Nicht alle Tassen im Schrank?

Wir Europäer müssen uns zurückziehen können. Im Beruf, in der Freizeit, selbst in der Liebe brauchen wir immer wieder eine Pause, eine Zeit, in der uns niemand behelligt, kein Kollege, kein Freund und schon gar kein Fremder. Wir wollen unsere Ruhe haben, ab und zu jedenfalls.
Das nennen wir dann etwas umständlich: Privatsphäre. Wir bestehen darauf. Sie ist die Grundbedingung unserer modernen, westlichen Existenz. Ohne Privatsphäre gibt es keine Freiheit. Daran glauben wir aus guten Gründen. Aber wie so viele Dinge im Leben gilt diese vermeintlich universelle Neigung nicht für alle. Über Andersdenken und Anderssein – und wie wir damit umgehen.

WIR EUROPÄER HABEN JAHRHUNDERTE GEBRAUCHT, um Königen und Päpsten das Recht auf Privatheit abzuringen, selbst gegen Gott und sein sehr neugieriges Bodenpersonal musste sich der Einzelne erst seinen Raum erkämpfen. Dafür sind Menschen in Gefängnissen gestorben, andere sind ins Exil gegangen, wieder andere sind gefoltert oder hingerichtet worden. Das geschah in allen europäischen Staaten. Wir genießen heute, was unsere Vorfahren unter großen Opfern errungen haben. Zur Privatheit zählen wir auch das uns natürlich erscheinende Bedürfnis nach körperlicher Distanz. Freilich, wir schütteln uns die Hände, wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern, wir umarmen uns auch – aber dann nehmen wir wieder Abstand. Selbst wenn wir Frischverliebte sehen, wie sie sich auf Parkbänken aneinanderschmiegen, als wollten sie nie wieder voneinanderlassen, wissen wir: Das wird nichtimmer so bleiben. Auch sie   werden früher oder später das Alleinsein wieder suchen, eine Atempause zumindest, bevor sie sich wieder in die Liebe stürzen. Wir alle brauchen diese Pause, die Möglichkeit, bei uns und niemand anderem sei zu können.

DAS RECHT UND DAS BEDÜRFNIS nach Privatheit erscheinen uns so natürlich, dass wir uns ohne sie gar nicht denken können. Ja, wir glauben, dass es normal ist, so zu sein, dass alle so sein müssten wie wir. Anderssein kann für uns sehr vieles heißen, doch immer setzt esvoraus, dass ein Mensch anders ist,weil er seine individuelle Freiheit auslebt. Wir sagen zum Beispiel: „Er geht seinen eigenen Weg!“ oder: „Er ist ein eigensinniger Kopf!“ Und manchmal: „Er hat nicht alle Tassen im Schrank!“ Das Anderssein eines anderen ist oft genug schwer zu ertragen. Wir sind aber bereit, es zu tolerieren, weil wir davon ausgehen, dass auch wir das Recht darauf haben, anders zu sein. Sollten wir morgen mal die Tassen in unserem Schrank verlieren, oder sollten sie gar zerbrechen, dann möchten wir mit dem Verständnis und der Langmut der anderen rechnen können. Kurzum: Die Möglichkeit, anders zu sein, gibt es nur, weil wir auf Distanz gehen können, weil wir diese Freiheit nun einmal haben und weil wir sie uns gegenseitig zugestehen. Selten nur kommen wir auf die Idee, dass Menschen, die nicht aus Europa stammen, diese Freiheit und unser entsprechendes Verhalten ziemlich seltsam vorkommen. Es liegt außerhalb unserer Vorstellungskraft, dass wir in den Augen der anderen nicht normal sein könnten, sondern auf eine beunruhigende Weise anders.

heartbeat_sonnentor_freude_tasse_nicht-alle-tassen-im-schrank_1Das habe ich in meinen über zwei Jahrzehnten als Aus- landskorrespondent oft genug erfahren – dass andere mich und mein Verhalten seltsam finden. So dachten zum Beispiel meine Freunde im Iran, ich sei krank, als ich nach vielen Stunden des Zusammenseins in ihrer allzu engen Wohnung den Wunsch äußerte, mich in mein Hotelzimmer zurückziehen zu dürfen. Es gelang mir nur mit Mühe, mich von ihnen abzusetzen. Nachdem ich endlich die Tür des Hotelzimmers hinter mir geschlossen hatte, dauerte es nicht lange, bis mein besorgter Freund Amad anrief und mich fragte, ob denn wirklich alles in Ordnung sei mit mir, ob ich vielleicht Fieber hätte oder auf sonst eine Weise erkrankt sei. Als ich ihm versicherte, dass dem nicht so sei, fragte er mehrmals nach, ob ich noch was bräuchte, eine wärmende Decke zum Beispiel, schließlich sei es doch kalt draußen, oder vielleicht etwas zu essen, Tee oder Brot, ich hätte doch gewiss Hunger? Ich verneinte hartnäckig, was nur dazu führte, dass er mich weiter mit seinen Angeboten bedrängte. Schließlich gelang es mir, Amad zu beruhigen, und ich konnte das Telefon aufhängen und mich wieder meinem Alleinsein widmen, das ich so dringend brauchte. Es gab ja einiges das ich verdauen musste, denn ich war zum ersten Mal im Iran und war es einfach nicht gewohnt, mit so viel Freundlichkeit überschüttet zu werden. Wenige Stunden später klopfte es an der Tür. Amad und seine Frau Vida standen im Flur.
Sie hatten Essen mitgebracht, Reis und Hühnchen, Joghurt, Tee, Pistazien, Datteln, alles verstaut in einem riesigem Korb. „Wir dachten, du bist inzwischen sicher hungrig geworden?!“, sagte Amad. Ich bat die beiden, entgegen meinen Wünschen, hereinzukommen. Was hätte ich sonst tun sollen? Sie abweisen mit dem erneuten Hinweis darauf, dass ich gerne alleine sein wollte, dass ich das bräuchte wie jeder normale Europäer eben? Nein, das ging nicht. Das wäre mir als brüske Zurückweisung ausgelegt worden. Also traten die beiden ein. Vida räumte ohne langes Federlesen meinen mit Papieren und Büchern übersäten Schreibtisch frei, um Platz für das viele Essen zu machen. Sie hatten tatsächlich alles mitgebracht: Teller, Besteck, Gläser, Thermoskanne. Nichts hatten sie vergessen.
„Es ist für dich! Alles für dich! Du sollst dich nicht so alleine fühlen!“, sagte Vida und schaute neugierig zu, wie ich in das von ihr zubereitete Hühnchen biss. „Die spinnen!“, dachte ich, während sie auf der Bettkante saßen und ohne Unterlass aufmerksam beobachteten, wie ich, am Schreibtisch sitzend, aß. Wobei mein „Die spinnen!“ sehrwohlwollend gemeint war. Doch – das sollten wir nicht vergessen – in ihren Augen war ich es, mit dem etwas nicht stimmte. Wie konnte ich mir nur wünschen, allein zu sein? Nur ein Mensch, bei dem ein paar Schrauben locker saßen, konnten allein sein wollen. Für die beiden war ich der Verrückte. Wer nun war anders?

heartbeat_sonnentor_freude_tasse_nicht-alle-tassen-im-schrank_2DER KERN UNSERES „MISSVERSTÄNDNISSES“ lag in Vorstellung, während sie für mich grundlegend war. So weit, so klar. Die Frage aber ist: Was machen wir, wenn zwei aufeinandertreffen, deren Vorstellungen vom Zusammenleben sich fundamental unterscheiden? Wessen Regeln sollen gelten? Wer ist der Normale, wer ist der Andersdenkende? Lassen sich die Rollen nicht vertauschen? Nun, die Antwort hängt davon ab, wo man sich befindet. Es ist die Kultur und der Alltag eines Landes, das uns mitunter ein gewisses Verhalten aufzwingt, oft gegen unseren Willen und unseren Instinkt. Das ist mir vor einigen Jahren auf einem Schlag in der indischen Metropole Kolkata klar geworden.
Die Stadt empfing mich, wie sie jeden Reisenden empfängt, mit infernalischem Lärm, verpesteter Luft, unerträglicher Feuchtigkeit und sengender Hitze. Ich wäre nach den ersten Stunden meines Aufenthalts am liebsten davongelaufen, doch hielt ich durch, weil ich aus Erfahrung weiß, dass es etwa dauert, bis selbst der auf den ersten Blick hässlichste Ort seine verborgenen Schönheiten preisgibt. Tatsächlich, Kolkata hat seine wundervollen Seiten, wie die Ehrfurcht einflößenden Hindutempel, das bizarre Victoria Memorial, die pralle Farbenpracht der Märkte oder das üppige Grün, das überall sprießt, wo es nur kann, doch sie konnten mich nicht allzu lange binden, denn nach drei Tagen beschloss ich, in eine kleine Stadt namens Shantiniketan zu reisen, die etwa 170 Kilometer von Kolkata entfernt liegt. Shantiniketan ist eine berühmte Universitätsstadt. Hier wurde Rabrindanath Tagore geboren, Schriftsteller, Dichter und Universalgelehrter, der 1913 als erster Asiate den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte. Ich wollte sein Geburtshaus sehen, außerdem gab es in Shantiniketan eine Reihe von Musikfestivals und davon versprach ich mir einiges. Ich beschloss, mit dem Zug zu fahren, und dieser Entscheidung habe ich es zu verdanken, dass ich begriff, wie sehr jemand „bedroht“ sein kann, der anders ist als die anderen, anders fühlt und anders denkt.

heartbeat_sonnentor_freude_tasse_nicht-alle-tassen-im-schrank_3Der Zug war überfüllt. Ich musste im Korridor stehen und spürte die Körper meiner Mitreisenden direkt an meinem eigenen. Beklemmung stieg in mir hoch. Ich geriet in Atemnot. Ich hatte das Gefühl, dass ich, wenn ich dieser Enge nicht schnell entkommen könnte, untergehen und sterben würde. Wir schaukelten im Rhythmus des Zuges hin und her. Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, was zu tun war. Ich musste mich lösen von meiner europäischen Vorstellung von Distanz und Privatheit und mit allen anderen mitschwingen – für die rund zweienhalb Stunden, die die Reise dauerte, fühlte ich mich dann nicht mehr fremd, nicht mehr anders, sondern geborgen und aufgehoben in einer Masse Mensch. Für ein funktionierendes Miteinander braucht es Flexibilität von allen Seiten. In dem Fall war es an mir, mein europäisches Anderssein abzustreifen.♥

Zum Autor: Der Journalist und Fotoreporter Ulrich Ladurner lebt in Hamburg und arbeitet seit 1999 als Auslandsredakteur für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Seine Recherchereisen führen ihn regelmäßig in östliche Länder, hauptsächlich nach Pakistan, Afghanistan, in den Irak und den Iran. Ulrich Ladurner ist Autor mehrerer Bücher, auf seinem Blog „Post von Unterwegs“ gibt er außerdem „Einblicke in unübersichtliche Landschaften“.


Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #8 / HOLZ / Oktober 2016
Kunde: SONNENTOR Kräuterhandels GmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer

Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building 
Text: Ulrich Ladurner
Lektorat: Ewald Schreiber