DIE WELT VON UNTEN

Der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl erzählt von gigantischen Kommunikationsnetzen unter der Erde, alten Heilmitteln und der Bedeutung der Pflanzen in unterschiedlichen Kulturen.

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FREUDE: Herr Storl, Sie sind in Ihrem Leben viel herumgekommen. Als Sie 11 Jahre alt waren, wanderte Ihre Familie von Sachsen nach Ohio aus. Sie haben viele Reisen unternommen und lebten fast zwei Jahre lang in Indien. Heute wohnen Sie gemeinsam mit Ihrer Familie im Allgäu. Wo fühlen Sie sich verwurzelt?

WOLF-DIETER STORL: Meine Wurzeln sind dort, wo ich herkomme und wo auch schon meine Vorfahren gelebt haben. Das ist in Sachsen. Aber ich fühle mich mit allen Orten verbunden, an denen ich mich aufhalte. Ich habe mich oft gefragt, wie das möglich ist. Wie kann ich nach Indien gehen oder nach Mexiko und mich sofort zu Hause fühlen?

Und wie geht das?

Ich habe herausgefunden, dass es möglich ist, weil ich mich mit den Pflanzen dort verbinde. Die sind ja verwurzelt und sie geben mir das Gefühl, ebenfalls verwurzelt zu sein.

Sind es zuallererst die Pflanzen, die Sie an einem neuen Ort willkommen heißen?

So ist das inzwischen. Ich weiß nicht, ob es immer schon so war. Vielleicht schon. Die Pflanzen haben mich immer interessiert. Auch als wir nach Amerika ausgewandert sind, faszinierte mich als Erstes die Natur. Ich war damals ein kleiner Junge. Als wir ankamen, begann gerade der Sommer und die Zikaden zirpten. Sie machten einen Mordskrach, ich kam mir vor wie im Urwald! Es gab auch Schlingpflanzen und Schildkröten und Schlangen. Es begeisterte mich, wie anders dort alles war.

Als Ethnobotaniker haben Sie auch heute noch ein ganz besonderes Verhältnis zu Pflanzen. Aber was macht ein Ethno-botaniker eigentlich genau?

Ein Ethnobotaniker fragt danach, wie Menschen unterschiedlicher Ethnien mit Pflanzen umgehen. Jedes Volk hat eine andere Sichtweise. Indianer sehen Pflanzen etwa als „grünes Volk“. Ihre Medizinleute begeben sich manchmal in eine Art Meditation mit der Pflanze und empfangen auf diese Weise Botschaften. Früher hat man auch bei uns geschaut, welcher Heilige sich in welcher Pflanze offenbart. Fast alle Heilpflanzen haben einen Bezug zum Göttlichen, etwa die Barbarakresse oder das Benediktskraut. Einige Giftpflanzen, wie die Tollkirsche, gehörten dem Teufel.
Das war das Weltbild. Heute ist das anders. Ein Wissenschaftler hat eine ganz andere Herangehensweise. Er analysiert die Pflanze, nimmt sie auseinander und holt im Labor ihre Wirkstoffe heraus. Er betrachtet die Pflanze als Objekt.

Sind Sie also eine Art Übersetzer?

Das kann man so sehen. Ich benutze die verschiedenen Kulturen, die ich kennengelernt habe, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie wir die Natur wieder etwas besser verstehen können. Das gehört zu unserem Sein. Wir haben heute nämlich ein Weltbild, das unser Sein beschränkt. Alles, was wir als Intuition wahrnehmen, wird ignoriert. Es zählen nur die analytisch-naturwissenschaftlich ermittelten Fakten. Natürlich sind diese sehr wichtig. Aber sie beziehen sich nur auf die Materialität. Und das ist eben nicht alles. Es ist so ähnlich wie bei den Pflanzen. Eine Pflanze ist viel mehr als das, was wir von ihr sehen.

Da denke ich natürlich gleich an die Wurzeln. Sie befinden sich unter der Erde, sind also nicht sichtbar und erfüllen doch ganz wichtige Aufgaben für die Pflanze …

Ja, in ihren Wurzeln ist die Pflanze hochlebendig. Die kleinen Wurzeln und Wurzelhärchen tasten sich wie Sinnesorgane durch den Boden und nehmen alles auf: Nährstoffe wie Phosphate und Mineralien, Wassermoleküle, aber auch Botschaften. Denn Pflanzen kommunizieren auch über ihre Wurzeln. Nicht nur mit der eigenen Art, sondern auch mit anderen Arten. Die Wurzelmassen sind dabei gigantisch. Es gab einmal eine Untersuchung von Roggenpflanzen. Wenn man alle Roggenwurzeln zusammenzählt und in eine Linie bringt, dann macht das 10.000 Kilometer aus. Die Wurzeln einer Pflanze verquicken sich auch mit Pilzen und Pilzfäden. Das ist ein richtiges Netzwerk, in Amerika sagt man „Wood Wide Web“ dazu. In der Wurzelwelt herrscht also ein ganz phantastisches Leben. Wurzeln sind aber auch im übertragenen Sinne sehr wichtig. Wir Menschen brauchen Wurzeln.
Sie verbinden uns mit unseren Vorfahren.

Es gibt ja auch Leute, für die Natur keine bedeutende Rolle im Leben spielt …

Man kann sein ganzes Leben zum Beispiel auch in virtuellen Welten mit Computer und Fernsehen verbringen. Aber dadurch kommt man nicht zu seinem wirklichen Selbst. Manchmal braucht es dann tatsächlich einen Schicksalsschlag, um zur Besinnung zu kommen. Manche Menschen werden krank. Eine Krankheit ist dabei nicht unbedingt etwas Negatives. Sie ist wie ein strenger Lehrmeister. Schamanen durchleben etwa eine sogenannte Einweihungskrankheit, die sie mit der Beseeltheit der Natur wieder in Kontakt bringt.


„Wir sehen ja nur die Hälfte der Pflanze. Die andere Hälfte, ein genauso wichtiger Teil, sind die Wurzeln. Es ist wie mit dem Leben selbst. Alles, was wir mit unserem Verstand aufnehmen, ist nur ein Teil der Ganzheit.“



Menschen kommunizieren über Worte, Pflanzen über Wurzeln. Gibt es noch weitere Parallelen zwischen uns und den Pflanzen?

Schon Aristoteles meinte, dass Pflanzen wie „umgekehrte Menschen“ seien. Sie tragen ihre Geschlechtsorgane als Blüten nach oben. Ihr Körper, das Grün, dient der Atmung. Wobei auch diese im Vergleich zu uns Menschen umgekehrt funktioniert. Pflanzen brauchen bekanntlich CO2, um ihre Körper überhaupt aufbauen zu können, und sie geben Sauerstoff ab, den wir Menschen wiederum einatmen. Wenn man so will, befindet sich der „Kopf“ der Pflanze, also das steuernde, kommunizierende „Gehirn“, unter der Erde. Pflanzen sind also die umgekehrten Wesen – oder wir Menschen sind umgekehrt. Wir haben uns umgekehrt und vom Kosmos emanzipiert.
Deswegen können wir uns als Individuen erleben. Pflanzen können das nicht. Sie leben im kosmischen Zusammenhang mit der Erde. Wir sind hingegen wie kleine Mikrokosmen.

Was bedeutet das für unsere Verbindung mit der Natur?

Friedrich Schiller sagte einmal: „Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist’s.“ Die Pflanze ist – ohne es zu wollen – im vollkommenen Einklang mit Himmel und Erde. Wenn wir uns mit dem Universum in Einklang bringen wollen, müssen wir uns bewusst dafür entscheiden. Wir müssen es wollen.♥

Das aktuelle Buch: Der Selbstversorger. Das Praxisbuch zum Eigenanbau, Gräfe und Unzer Edition, 192 Seiten


 Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #5 / WURZEL / Februar 2015

Kunde: SONNENTOR Kräuterhandelsgesellschaft mbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Interview: Stefanie Platzgummer
Foto: Katja Greco
Lektorat: Ewald Schreiber