Das Kaffeesatz-Orakel

Kann man in die Zukunft sehen? Hellseher blicken gerne in die Kaffeetasse, lesen in den Karten oder blättern gar im großen Zukunftsalmanach. Doch am besten gelingen Prognosen, wenn wir Zukunft selber schreiben.

MAN GEBE WASSER, ZUCKER und feinst gemahlenes Kaffeepulver in ein kupfernes Kaffeekännchen mit langem Stiel.
Das Gebräu langsam auf Kochtemperatur bringen und rühren – bis der Kaffeeschaum fast überkocht. Kurz warten, wieder aufkochen, drei Mal wiederholen. Dann den schäumenden Sud in kleine Mokkatässchen verteilen: Fertig ist der typisch türkische Kaffee. Er ist höchst aromatisch, sehr stark und hinterlässt jene magischen Muster in der Tasse, aus denen wir mit etwas Fantasie auch die Zukunft ablesen können. Nach alter osmanischer Lehre kommt es dabei nicht nur auf das richtige Erkennen und Kombinieren der vielen Symbole an, sondern auch auf ihre genaue Position in der Tasse. Am Tassenboden liegt Vergangenes, die Tassenwand steht für Gegenwart, der Tassenrand für die Zukunft.

WIE ALSO SIEHT DIE NUN AUS? Für diese schwierige Frage empfiehlt es sich, nebst einem türkischen Mokka auch den „Zukunftsalmanach 2015/16“ zurate zu ziehen, ein 500 Seiten starkes „Handbuch für eine enkeltaugliche Zukunft“, herausgegeben vom renommierten deutschen Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer und dem Team seiner Stiftung Futurzwei. Damit lässt sich Folgendes aus dem Kaffeesatz ablesen: der große Fleck am Tassenboden – ist das nicht der Fisch, ein Symbol für Wohlstand? Tatsächlich haben wir es über die Jahre zu großem Reichtum gebracht. Dann, diese spitze Konstellation an der Tassenwand: vielleicht ein Dach, das Symbol für häusliche Angelegenheiten? Ja, wir haben es uns in unserem Wohlstand sehr bequem eingerichtet. Doch was ist mit dieser länglichen Spur, ziemlich weit oben in der Mokkatasse? Das könnte ein Arm sein, der nach dem Tassenrand greift. Er steht für Tatkraft. Und die wird auch dringend gebraucht, denn, so prophezeien es die Almanachautoren, „eine soziale Bewegung ist im Entstehen und Sichtbarwerden, die neue Formen des Wirtschaftens und Vergemeinschaftens selbst entwickelt. Es ist Zeit, Handlungsspielräume zu nutzen und das gute Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

heartbeat_sonnentor_freude_tasse_aus-der-tasse-lesen-das-kaffeesatz-orakel_1WELCHE SOZIALEN BEWEGUNGEN DENN? Und wo hat man als einzelner Mensch denn heute noch wirkliche Handlungsspielräume? Nur zu leicht entpuppt sich unser Kaffeesatzorakeln als naiver Aberglaube. Doch neugierig bleiben wir: Welche Zukunft steht uns bevor? Welche Zukunft wollen wir eigentlich? Und was genau ist zu tun, um dorthin zu kommen? Für Harald Welzer, der jahrzehntelang selbst universitär geforscht hat, ist eines klar: Wir dürfen diese Fragen nicht nur der konventionellen Wissenschaft überlassen und noch weniger unserem aktuellen Wirtschaftssystem. Schließlich trägt auch letzteres zunehmend magische Züge, wie er schon 2013 in einem „Format“-Interview erklärt hat: „Völlig egal, ob es um die Überschuldungskrise, die Finanzkrise oder die Arbeitslosigkeit geht, man spricht das magische Wort Wachstum aus und hofft, dass sich dadurch irgendetwas löst.“ Dieser Glaube an ein wirtschaftliches Allheilmittel ist heute leider ebenso verbreitet wie die düsteren Zukunftsszenarien, die uns tagtäglichen erreichen: Erschöpfung der Ressourcen, globale Ungerechtigkeit, Kriege, Klimawandel. Genau an diesem Punkt setzt die Stiftung Futurzwei an. Als gemeinnützige PR Agentur setzt man nicht auf Angstmache und Zukunftsdemagogie, sondern erzählt von vielen kleinen, aber ungemein wichtigen „Geschichten des Gelingens“. Sie werden durch den viel beachteten Zukunftsalmanach verbreitet, der bereits zum zweiten Mal erschienen ist. Aber auch in Artikeln, in Veranstaltungen mit Kooperationspartnern in ganz Deutschland sowie über hochwertige, von bekannten Schauspielern vorgelesenen Audio Podcasts auf www.futurzwei.org. Auf diese Weise lenkt Futurzwei den Blick auf unzählige Initiativen, Projekte und voller Enthusiasmus agierende „Einzeltäter“, die längst handeln, wo andere bloß von Zukunft reden.

DA WÄRE ZUM BEISPIEL Illona Parsch, eine 57-jährige Putzfrau im mecklenburgischen Sanitz, die aus Frust über ätzende Industrieputzmittel kurzerhand selbst zur Chemikerin wurde und heute in Eigenregie ein patentiertes Bio-Putzmittel herstellt: Beeta, gewonnen aus dem Saft der Roten Rübe. Oder der junge Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel und seine kostenlosen Bauanleitungen für schnell und günstig selber herzustellende „Hartz-IV Möbel“. Sie heißen „24 Stuhl“, „100 Sekunden Lampe“ und „Betablock“ und wurden schon über 20.000 Mal heruntergeladen und nachgebaut. Wer sich hingegen für alternative Wohnformen interessiert, aber beim „Wie“ noch ratlos ist, findet ein tolles Vorbild im Verein für Autofreies Wohnen in Freiburg. Der schaffte es nämlich, gemäß der Devise „Paprika statt Parkplatz“ eine autofreie Siedlung zu errichten – das Geld für die gesetzlich vorgeschriebenen Autostellplätze wurde geschickt zur Errichtung eines 900 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgartens genutzt.

heartbeat_sonnentor_freude_tasse_aus-der-tasse-lesen-das-kaffeesatz-orakel_2IN ALL DIESEN GESCHICHTEN geht es nicht um spektakuläre Durchbrüche. Sie handeln von den normalen Menschen nebenan, die durch „Praxiswissen, Nutzung des Vorhandenen, Lebensund Überlebensklugheit“ schon heute erste Schritte in eine ganz andere Zukunft setzen. Mühsal, Konflikte und Scheitern inklusive. Sehr bewusst setzt Futurzwei dabei immer wieder auf die grammatikalische Form des Futur II, die uns mit etwas Fantasie schon heute sagen lässt: „Wir werden etwas anders getan haben!“ Vom sozial engagierten Rucksackhersteller über eine alternative Aquaund Tomatenkultur bis hin zu urbanen Trinkwasserbrunnen: Insgesamt 82 Geschichten des Gelingens hat der aktuelle Zukunftsalmanach versammelt, querfeldein über Deutschland und Österreich verteilt. Der Schwerpunkt „Material“ betont dabei insbesondere mögliche Alternativen zur Wegwerfgesellschaft: reparieren, tauschen, teilen, möglichst lokale Produktionskreisläufe und weitreichender Konsumverzicht – Öko-Produkte inbegriffen. Klingt provokant, doch die Autoren sind überzeugt: „Alle Zahlen zum Ressourcenverbrauch und zur Aufnahmefähigkeit unserer Ökosysteme zeigen: Niemand wird weiter konsumieren können wie bisher.“ Wenn etwa für die Verankerung eines 155 Meter hohen Windrades 1.400 Kubikmeter Stahlbeton in den Boden gegossen werden, nur um unseren energiehungrigen Lebensstil „nachhaltig“ fortzuführen, dann ist das für Harald Welzer ein klares Symbol einer „Optimierung des Falschen“.♥


Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #8 / HOLZ / Oktober 2016
Kunde: SONNENTOR Kräuterhandels GmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer

Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building 
Text: Fabian Faltin
Illustration: Carmine Bellucci / carolineseidler.com
Lektorat: Ewald Schreiber