Wer viel über die Umwelt weiß, handelt noch lange nicht umweltbewusst. Nur durch die richtige Motivation lassen wir unserem Wissen auch Taten folgen.

Wir wissen, wie sehr das Auto die Umwelt belastet. Also reisen wir mit der Bahn. Wir wissen um die Macht des Konsumenten und die Vorteile regionaler Produkte. Also bleibt die Ananas aus Costa Rica im Supermarkt-Regal. Klingt logisch. Die Praxis sieht aber anders aus. Ein kritischer Blick auf uns selbst zeigt das ebenso wie die Eurobarometer Umfrage 2011. Hier geben 60 Prozent der Befragten an, sich gut über Umweltthemen informiert zu fühlen. Stolze 72 Prozent sagen, dass sie grundsätzlich bereit seien, umweltfreundliche Produkte zu kaufen und dafür auch etwas mehr Geld auszugeben. Wird danach gefragt, ob sie das im letzten Monat getan hätten, können aber nur 17 Prozent mit „Ja“ antworten.

Wissen ist nicht genug
„Wer nichts weiß, kann auch nicht handeln“, sagt Heinz Mandl, emeritierter Professor für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Wissen bildet also die Grundlage für unser Handeln. Dabei spielen unterschiedliche Formen von Wissen eine Rolle: Dank des Funktionswissens erkennen wir Zusammenhänge; durch Handlungswissen begreifen wir die Möglichkeiten unseres Handelns; wir nehmen die Auswirkungen unseres Handelns durch unser Wirksamkeitswissen wahr und in den Handlungen Dritter erkennen wir mithilfe des sozialen Wissens Motive. Aber: „Wissen allein ist keine hinreichende Bedingung für das Handeln“, erklärt Mandl. Denn trotz unseres Wissens können wir vom Handeln abgehalten werden. Etwa, indem uns keine Möglichkeiten geboten werden, uns gemäß unserem Wissen zu verhalten, oder weil die Motivation fehlt, dementsprechend zu handeln.

Kosten und Nutzen
Auch Oliver Stengel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Wissen und Handeln – vor allem im Hinblick auf ökologisches Wissen und Umweltverhalten. „Im Allgemeinen entscheiden sich Menschen für eine Handlung, die ihnen den größeren Nutzen verheißt“, sagt er. Kosten und Nutzen können dabei sehr subjektiv sein. Wir haben also unsere Gründe, aus denen wir im Supermarkt zur Ananas aus Costa Rica greifen, obwohl daneben regionale Bio-Äpfel liegen. Vielleicht schmeckt uns die Ananas besser oder wir glauben, sie sei gesünder als der Apfel. Diese Vorteile kommen uns direkt zugute und werden meist als unmittelbar wichtiger empfunden als das Anliegen, die Umwelt zu schützen.

Alles eine Frage der Motivation
„Es ist wichtig zu sehen, dass eine Handlung einen konkreten Nutzen bringt“, sagt auch Heinz Mandl. Aber gerade im Zusammenhang mit ökologischem Handeln ist das nicht immer einfach, da unser Handeln oft erst unseren Kindern und Enkelkindern zugute kommt. „Deshalb braucht der Mensch Anreize, die ihn zum ökologischen Handeln verleiten.“ Etwa, indem nachhaltiges Handeln belohnt wird. Aber auch „Bestrafungen“ wirken. Im Falle der Ananas würde uns vielleicht ein höherer Preis vom Kauf abhalten.
Heinz Mandl und Oliver Stengel sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Wirkung sogenannter „psychosozialer Kosten“ einer Handlung. „Menschen streben nach einem positiven Selbstbild und meiden darum Produkte und Praktiken, die ein schlechtes Image haben“, so Stengel. Für einen solchen Imagewandel müssen Anreize auf unterschiedlichen Ebenen gesetzt werden – auf individueller ebenso wie auf regionaler, nationaler und internationaler.

Anreize wirken
Dass solche Anreize wirken, kann man zum Beispiel am Konsum von Zigaretten erkennen, der in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist. „Ähnlich verhält es sich derzeit mit dem Auto“, erklärt Stengel. Auch hier sei ein Imagewandel bereits im Gange: „Studien zeigen, dass der motorisierte Individualverkehr einen großen Teil der Treibhausgase verursacht. Luftverschmutzung und Lärm beeinträchtigen die Gesundheit vieler Menschen. Die Auto-Herstellung verbraucht reichlich Rohstoffe, deren Abbau weltweit Ökosysteme bedroht.“ Probleme wie diese würden ab einem bestimmten Punkt die öffentliche Meinung so sehr ändern, dass die psychosozialen „Kosten“ des Autobesitzes schließlich dessen „Nutzen“ übersteigen und immer mehr Menschen auf ein Auto verzichten.

Emotionen wecken
Da wir Menschen in der Regel nach einem direkten Nutzen suchen, müssen wir uns gleichzeitig der positiven Konsequenzen umweltbewussten Handelns bewusst werden. „Das ist kein einfacher Weg, denn die bloße Vermittlung von Umweltwissen reicht dazu nicht aus“, so Oliver Stengel. Heinz Mandl bezeichnet dieses Faktenwissen als „träges Wissen“, weil wir es nicht in die Praxis umsetzen können. „Um Wissen zu erwerben, das man auch anwenden kann, ist es notwendig, problem- und projektorientiert zu arbeiten“, sagt er. Eine Forderung an das Bildungssystem: „Angenommen, in der Schule wird das Thema Wald behandelt. Die Kinder pflanzen einen Baum im Wald. Sie können sein Wachstum und seine Entwicklung beobachten. So wird Wissen nicht nur erworben, es werden auch Emotionen geweckt und die Kinder können die Nachhaltigkeit ihres Handelns erkennen“, so Mandl. Sind erst einmal Gefühle entwickelt, fällt es uns leichter, in unserem ökologischen Verhalten direkten Nutzen zu sehen und gemäß unserem Wissen umweltbewusst zu handeln.♥


Magazin / Titel: multikosmos – Die Welt der effektiven Mikroorganismen
Ausgabe: 00010 / März 2012
Kunde: Multikraft Produktions- und HandelsgmbH
Herausgeber: Mag. Ulrike Hader
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Text: Mag. Stefanie Platzgummer
Lektorat: Ewald Schreiber