WACHSTUM – bitte mit Würde

Seit über 40 Jahren kämpft der Club of Rome für mehr soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Einer seiner Präsidenten, Ashok Khosla, hält im Interview fest, dass Wachstum etwas anderes bedeuten muss als die grenzenlose Ausbeutung von Mensch und Natur.

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Herr Khosla, was assoziieren Sie persönlich mit Wachstum?

Ashok Khosla: Ich glaube, dass wir ein starkes Wachstum bei der persönlichen Erfüllung brauchen, in den Möglichkeiten für alle, ein besseres Leben zu führen, und in der Tiefe und Verbreitung von Zufriedenheit für alle Bürger der Welt. Das ist nicht möglich, wenn Selbsterfüllung darüber definiert wird, wie viel wir besitzen. Wir brauchen vor allem von jenen Aktivitäten weniger, die die begrenzten Ressourcen der Erde gnadenlos ausbeuten.

Wie haben sich die Themen und Sichtweisen des Club of Rome seit seiner Gründung im Jahr 1968 verändert?

Ashok Khosla: Die Welt hat sich seit damals stark verändert. Zu jener Zeit hat man die Tragweite der Umweltprobleme in all ihren Dimensionen noch nicht ge- und erkannt. Klimawandel, Artensterben, Raubbau an Ressourcen und eine Unzahl anderer globaler Gefahren rückten erst danach in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Die immer noch existierende massive Armut und die gesamte sozioökonomische Ungerechtigkeit gelten heute als weit weniger akzeptabel als zur Zeit der Clubgründung. Die Themen sind also sowohl in ihrer Anzahl wie auch in der Bedeutung gewachsen. Demgegenüber sind die Standpunkte, Ansätze und Analysemethoden des Club of Rome ziemlich gleich geblieben. Sie basieren auf der Überzeugung, dass alle gesellschaftlichen Entscheidungen unter Rücksicht auf die systemischen Verbindungen zwischen all diesen Problemen getroffen werden müssen. Dazu braucht es strategisches, langfristig orientiertes Denken und soziale Gerechtigkeit.

Wie beurteilt der Club of Rome die derzeitige Finanzkrise?

Ashok Khosla: Die unmittelbaren Ursachen für die aktuelle Krise liegen in der ungemilderten Gier von Entscheidungsträgern – speziell aus der Finanzbranche – und in den enormen Möglichkeiten, die sie für sich selbst geschaffen haben: in der Überhitzung, der Unterregulation und den großen Mengen an faulen Finanzinstrumenten. Das ist die gängige Sicht zur Krise – ausgenommen viele Banker, Finanziers und ihre Freunde in Firmen und Regierungen, die ihre Rolle und ihr Handeln als legitim betrachten. Die Rettungspakete und Anreize für die Wirtschaft dienen jetzt dazu, diese Rollen und Handlungen zu sichern. Der Club of Rome sieht die Lösung für die Finanzkrise in einer grundlegenden Neugestaltung der Finanzmarktinstitutionen und Kreditinstrumente. Sie müssen endlich auf die Bedürfnisse der Menschen und der realen Wirtschaft reagieren und für die Interessen der Armen, künftiger Generationen und der Natur Sorge tragen. Dies erfordert neue Methoden, Fortschritt zu messen. Dazu gehören Ansätze jenseits des Bruttoinlandsprodukts, neue Bewertungsformeln, die der Zukunft einen größeren Wert beimessen, und Wege, die Chancen für alle so zu verteilen, dass jeder auf dem Planeten ein angemessenes Leben im Einklang mit der Natur führen kann.

Fürchten Sie, dass durch die Finanzkrise und die Gegenmaßnahmen das Augenmerk der Politik von den wesentlichen Interessen des Club of Rome abgelenkt werden könnte?

Ashok Khosla: Die Gefahr besteht, dass die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger derzeit auf diese Krise fokussiert ist. Aber aus Sicht des Club of Rome ist genau jetzt die Zeit, in der grundsätzliche Änderungen am einfachsten umgesetzt werden könnten. Oder wie es der Ökonom Paul Romer, dessen endogene Wachstumstheorie ironischerweise die aktuelle Krise mit ausgelöst hat, einmal gesagt hat: „Eine Krise sollte man nicht verschwenden.“ Freilich hatte er das anders gemeint.

Sie haben vor Kurzem in Wien an der Konferenz „Wachstum im Wandel“ teilgenommen. Ist Wirtschaftswachstum per se nur mit Ausbeutung assoziierbar?

Ashok Khosla: Der Club of Rome findet nicht jedes Wachstum problematisch. Es ist die Art des Wachstums, die uns Sorgen bereitet. Was wir in Frage stellen, ist ein Wachstum, das zur Folge hat, dass unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, das Ressourcen aufbraucht, die von künftigen Generationen benötigt werden, und das zu Entfremdung und Gewalt führt. Wir sind überzeugt, dass die Form des derzeitigen Wachstums, das Menschen und Natur extrem ausbeutet und das eine sehr vereinfachende Auffassung über den Zweck menschlicher Existenz demonstriert, weder nachhaltig noch erstrebenswert ist.

Seit gut 40 Jahren sind Umweltprobleme und Nachhaltigkeit ein öffentliches Thema. Warum gelingt es uns nicht, die Welt positiv zu verändern? Was ist strategisch falsch gelaufen?

Ashok Khosla: An den Strategien, die Welt fairer und nachhaltiger zu machen, ist nichts falsch, doch die richtigen Ansätze wurden nie in dem dafür notwendigen Ausmaß umgesetzt.

Seit 2008 läuft das Dreijahresprogramm des Club of Rome für einen neuen Weg der globalen Entwicklung. Was sind die Ziele und die bisherigen Erfahrungen?

Ashok Khosla: Es geht darum, die oben erwähnten Grundprinzipien wie langfristiges, systemisches Denken auf die folgenden Bereiche anzuwenden: Umwelt und Ressourcen, globale Entwicklung, gesellschaftliche Veränderungen sowie Frieden und Sicherheit. Wir sehen zwar bereits erste Einflüsse auf Regierungen und internationale Organisationen, die sich mehr um eine bessere Zukunft ihrer BürgerInnen und um zukünftige Generationen kümmern, aber vieles muss noch getan werden.♥


Magazin / Titel: multikosmos – Die Welt der effektiven Mikroorganismen
Ausgabe: 00004 / Wachstum / Mai 2010
Kunde: Multikraft Produktions- und HandelsgmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Text: Mark Hammer
Foto: Stephan Boroviczény
Lektorat: Ewald Schreiber