Kassandra oder letzte Chance

„Wir haben verlernt, langfristig zu denken“, sagt Helga Kromp-Kolb. multikosmos traf die Klimaforscherin zum Gespräch im Wiener Kaffeehaus Sperl.

Es wird wärmer, die Polarkappen schmelzen und der Meeresspiegel steigt. Können wir den Klimawandel überhaupt noch aufhalten?

Kromp-Kolb: Aufhalten nicht. Wir können ihn bremsen, aber wir müssen rasch handeln. Wenn Prozesse wie das Schmelzen des Polareises eine gewisse Dynamik entwickeln, können wir sie nicht mehr aufhalten. Es ist wie ein Auto, das am Abhang steht: Wenn es anfängt zu rollen, kann man es noch stoppen. Sobald es aber eine gewisse Geschwindigkeit erreicht, ist man machtlos.

Wie werden sich die klimatischen Veränderungen auf Mitteleuropa auswirken?

Kromp-Kolb: Wenn man aufmerksam ist, merkt man die Veränderung schon jetzt. Bis Mitte dieses Jahrhunderts wird sich die Zahl der Sommertage mit
über 30 Grad verdoppeln oder verdreifachen. Während die Sommermonate meist sehr trocken sein werden, unterbrochen von heftigen Gewittern, werden die Winter feuchter. Das heißt aber nicht, dass es mehr schneit – wegen der höheren Temperaturen wird es häufiger regnen. Skifahren wird langfristig nicht mehr so verlässlich möglich sein wie heute, selbst wenn man Beschneidungsanlagen einsetzt.

Seit Jahren werden die Menschen mit solchen Schreckensmeldungen konfrontiert. Dennoch scheint
das Bewusstsein für die Problematik nicht sehr groß zu sein. Wie sehen Sie dieses Desinteresse?

Kromp-Kolb: Die Menschen haben verlernt, langfristig zu denken! Das Klima ist aber ein sehr träges System. Es ist so wie mit dem Bremsweg eines Autos. Wenn ich auf eine Mauer zufahre, muss ich frühzeitig bremsen, damit das Fahrzeug auch rechtzeitig stehen bleibt.

Was muss also passieren?

Kromp-Kolb: Wir müssen umdenken. Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch einschränken und uns daher darüber klar werden, was uns wirklich wichtig ist. Das tun wir fast nicht mehr. Wenn sie sich mal die Zeit nehmen und nachdenken, kommen die meisten Menschen zu dem Schluss, dass ihnen die Beziehungen zu Familie und Freunden wichtig sind. Vielleicht ist ihnen auch Kultur wichtig, Bildung oder die Natur. Die meisten damit verbundenen Aktivitäten verbrauchen kaum Ressourcen. Wir können also ohne Verlust an Lebensqualität auf viel Materielles verzichten. Der Einzelne kann zwar seinen Ressourcenverbrauch in großem Maße beeinflussen – beim Einkaufen, im Haushalt und bei der Mobilität –, irgendwann stößt er aber an seine Grenzen. Wenn die Schule an einem Ende des Ortes ist und das Einkaufszentrum am anderen, dann ist man möglicherweise auf das Auto angewiesen.
Hier müsste die Politik durch Raumplanung oder ein attraktives Angebot von öffentlichem Verkehr die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. In der Politik wird aber leider noch viel geredet, aber kaum gehandelt.

 

Welche Rolle spielen erneuerbare Energiequellen in dieser Entwicklung?

Kromp-Kolb: Durch Technologien allein wird man das Ressourcen- und Klimaproblem nicht lösen können. Dennoch brauchen wir sie dringend. Es ist aber schwierig, das den Menschen begreiflich zu machen. Das ganze Feld ist von Mythen kontaminiert, die vielleicht einmal gestimmt haben mögen, mittlerweile aber völlig überholt sind. Ein Beispiel für einen solchen Mythos ist, dass Passivhäuser ungemütlich und hässlich seien. Von der Ansicht her erkennt man heute nicht einmal mehr, ob es ein Passivhaus ist oder nicht, und die meisten Bewohner fühlen sich darin sehr wohl.

Wie effizient sind Wind-, Wasser- und Sonnenenergie im Vergleich zu den konventionellen Energieträgern wirklich?

Kromp-Kolb: Sonnen-, Wind- und Wasserenergie sind wesentlich effizienter als Kohle, Öl oder Gas, weil die Energie- quelle erneuerbar und daher fast unerschöpflich ist. Man hört aber den Vorwurf, dass erneuerbare Energie technologisch noch nicht ausgereift sei. Und es gibt natürlich noch Verbesserungsmöglichkeiten. Aber das ist kein Wunder, weil die Technologien noch jung sind. Die Technologien sollen auch zu teuer sein. Das stimmt so nicht, denn im Grunde ist das Öl zu billig. Im Endeffekt bezahlen wir nur für dessen Förderung, und zwar einen Preis, der ausgehandelt wird. Das nicht erneuerbare Produkt Öl selbst hat keinen Preis. Das ist eine völlig falsche Entwicklung.

Biokraftstoffe werden kritisiert, weil durch sie die Lebensmittelpreise steigen. Wie stehen Sie zu diesen Energieträgern?

Kromp-Kolb: Biokraftstoffe, die nicht nachhaltig gewonnen werden, sind eine Sackgasse. In Österreich ist Biodiesel ein Beispiel dafür. Man muss Lösungen finden, die zukunftsfähig sind. Natürlich profitiert die Landwirtschaft von Biomasse als Energieträger und lobbyiert für Förderungen. Aber sie profitiert auch dann noch, wenn man nur nachhaltige Lösungen fördert.

Was trägt die Landwirtschaft zur Klima-Problematik bei? Kann sie auch Retter des Klimas sein?

H. Kromp-Kolb: Die Landwirtschaft trägt mit Kohlendioxid-, Lachgas- und Methanemissionen weltweit etwa 14% zum Klimawandel bei, in Österreich etwa 9%. Da sind aber Landnutzungsänderungen wie Abholzung oder die Trockenlegung von Mooren nicht mitgerechnet. Wir wenden derzeit in der landwirtschaftlichen Produktion viel mehr – meist fossile – Energie auf, als wir dann an den Lebensmitteln gewinnen. Das war früher umgekehrt. Der Boden kann viel Kohlenstoff speichern, wenn z. B. durch biologische Landwirtschaft Humus aufgebaut wird. Jetzt wird in Anlehnung an die Methoden indigener Stämme Lateinamerikas geforscht, ob man Kohlenstoff gezielt in Böden ein- bringen und dort lagern kann. Aber meiner Meinung nach ist hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.♥


Magazin / Titel: multikosmos – Die Welt der effektiven Mikroorganismen.
Ausgabe: 00002 / Kontinuität / November 2009
Kunde: Multikraft Produktions- und HandelsgmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Interview: Mag. Stefanie Platzgummer
Fotograf: Lukas Ilgner
Lektorat: Ewald Schreiber