Die Stimme der Wahrheit

„Im Bezug zur Natur findet sich die Wahrheit nur dann, wenn man ihr nicht gewalttätig, sondern als Partner gegenübertritt”, meint Vandana Shiva. multikosmos traf die Aktivistin zum Gespräch in Salzburg.

 

Sie engagieren sich gegen die Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut. Warum?


Vandana Shiva: Weil die biotechnologische Industrie, wie etwa Monsanto sie betreibt, auf Lüge und Unwahrheit basiert. Das beginnt schon bei der Behauptung, es gäbe einen plan- bzw. steuerbaren Zusammenhang zwischen Genen und bestimmten Eigenschaften, was der wissenschaftlichen Auffassung von Genetik widerspricht. Die Vererbungslehre besagt nämlich, dass bestimmte Eigenschaften nicht allein den genetischen Erbanlagen entstammen, sondern Ausdruck des Zusammenspiels des gesamten Organismus sind. Einschließlich des nicht genetischen Materials. Wiederholt konnte bewiesen werden, dass Organismen nach einem gentechnischen Eingriff instabil werden. So wurde etwa belegt, dass die Konzentration des in MON 810 enthaltenen Insektizids von Pflanze zu Pflanze stark variiert. Daher wird vermutet, dass sich der gentechnisch veränderte Organismus (GVO) von Generation zu Generation ungeplant verändert.

Sie betreiben Aufklärung, fordern – in der Tradition Mahatma Gandhis – Gentechnik-Firmen auf, Indien zu verlassen und unterstützen Bauern, nachhaltig und damit auch gentechnikfrei zu produzieren. Was sind Ihre Beweggründe?

Vandana Shiva: In meinem Heimatland wurde den Bauern das schnelle Geld durch den Einsatz von GVO-Saatgut versprochen, aber im Gegensatz dazu gerieten die Farmer in Abhängigkeit und in die Schuldenfalle. Die Folge: Im letzten Jahrzehnt haben sich mehr als 200.000 indische Bauern das Leben genommen. Die meisten davon in Regionen, in denen sogenannte Bt-Baumwolle gepflanzt wurde. Der durch die gentechnische Manipulation des Saatguts versprochene Schutz vor Schädlingen hielt aber nicht lange an. Der Bollwurm entwickelte z. B. bereits nach kurzer Zeit Resistenzen gegen die in den Pflanzen eingebauten Bt-Toxine. Firmen, die gentechnisch verändertes Saatgut anbieten, behaupten gern, sich an alle regulativen Vorgaben zu halten. Dabei unterwandern sie diese permanent. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist praktisch ausschließlich mit Leuten aus der Biotech- Branche besetzt, die darüber bestimmen, was angeblich sicher ist und was nicht. Entscheidungen der EFSA betreffen aber auch nationale Beschlüsse. So sollte etwa das Import-Verbot für Genmais in Österreich aufgehoben werden. In einer entsprechenden Abstimmung im Europäischen Rat aber stellte sich schlussendlich eine Mehrheit der Minister auf die Seite Österreichs und damit gegen die Aufhebung nationaler Verbote. Besitzer von GVO-Patenten präsentieren sich gern als Erfinder und Schöpfer von etwas, was sie schlicht und ergreifend gestohlen haben. Dabei entwenden sie genetisches Material aus den Pflanzen und damit aus dem Eigentum der Landwirte. Sie modifizieren Organismen, kreieren eine Marke, ernennen sich zu Urhebern und bringen die Bauern in Abhängigkeit. Das muss gestoppt werden.

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Was halten sie von dem Argument, Gentechnik könne einen Beitrag zum Umweltschutz leisten?

Vandana Shiva: Die auf chemischem Pflanzenschutz basierende industrielle Landwirtschaft ist von dem Gedanken geprägt, dass Fruchtbarkeit aus Fabriken kommt. Aus Fabriken, die bis vor Kurzem noch chemische Kampfstoffe und Sprengstoff erzeugt haben. Fruchtbarkeit müsse – so die herrschende Vorstellung – erst künstlich erzeugt werden. Das allerdings zerstört den Boden. Zudem wird versucht, der Gefahr von Schädlingsbefall und Unkrautwachstum durch Gentechnik beizukommen. Das führt aber lediglich zur Entwicklung von resistenten Unkräutern und Schädlingen und nicht – wie versprochen – zu weniger Einsatz von umweltschädigenden und giftigen Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden. Der Verbrauch steigt vielmehr rapide an. So wird bestimmt kein Beitrag zum Umweltschutz geleistet.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Alternative aus?

Vandana Shiva: Biologisch nachhaltige Landwirtschaft. Sie nährt das Erdreich, indem sie die dort tätigen Mikroorganismen pflegt und schützt. Durch Biodiversität wird die Gefahr von Schädlingsbefall und Unkrautwachstum auf natürliche Weise eingedämmt. Ein gesunder Boden, der nicht durch den Einsatz von Chemie und dem Anbau in Monokultur ausgelaugt wurde, kann hingegen sogar zum Klimaschutz beitragen. Er fungiert als Speicher für Kohlenstoff, und je mehr Mikroorganismen sich in der Erde befinden, desto mehr Kohlenstoff kann aufgenommen werden. Das wiederum macht den Boden widerstandsfähiger. Weder Dürre noch Flut können ihm dank seiner hohen Wasserspeicherkapazität viel anhaben. In Erde, die über einen Zeitraum von drei Jahren mit Monsanto-Bt-Baumwolle bepflanzt wurde, verringert sich die Anzahl der im Boden tätigen Mikroorganismen um circa ein Viertel. Ich frage Sie, wie das zum Umweltschutz beitragen soll? Das ist genauso gelogen wie die Aussage, den Hunger der Welt mit Hilfe der Agrargentechnik stillen zu wollen. Mein neues Buch heißt „Soil not oil“ (deutscher Titel: „Leben ohne Erdöl“). Ich denke, in einer Welt jenseits fossiler Energieträger müssen wir uns dem Boden, den Pflanzen und der Biodiversität als einzige und ultimative ökologische Alternative zuwenden.

Glauben sie an die Macht des Konsumenten?

Vandana Shiva: Die großen Probleme unserer Zeit werden von globalisierten Unternehmen und schlechten Regierungen verursacht und verstärkt. Lösungen aber entstehen immer nur in kleinen Schritten, von kleinen Leuten und einzelnen Konsumenten. Das ist Demokratie. Überall dort, wo GVO-Pflanzen angebaut werden und in weiterer Folge in unser Essen gelangen, sollten sich Konsumenten zusammenfinden, die sich für die Alternative entscheiden und Lebensmittel direkt vom Bio-Bauern in ihrer Nähe beziehen. Nur so kann man sicher sein, sich gesund zu ernähren. Nur so unterstützt man die Landwirte und nur so vermeidet man GVOs.♥


Magazin / Titel: multikosmos – Die Welt der effektiven Mikroorganismen
Ausgabe: 00001 / Wahrheit / September 2009
Kunde: Multikraft Produktions- und HandelsgmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Interview: Claudia Eipeldauer
Lektorat: Ewald Schreiber