Jeder kann freundlich schauen

In ihrem Büro in der Wiener Zohmanngasse stapeln sich die Papiere und Ordner, das Telefon klingelt ununterbrochen. Dennoch nimmt sich Ute Bock Zeit für ein Gespräch über ihr Leben mit Fremden, über Integration und Menschlichkeit.

Ute Bock: Erklär mir bitte, warum sind die Leute so böse geworden?

Wie meinen Sie das?

Ute Bock: Schräg gegenüber von unserem Büro ist zum Beispiel ein Pensionistenheim. Gleich daneben befindet sich ein Wohnhaus. Dort wohnt im zweiten Stock eine Frau. Auf ihrem Balkon hat sie ein Blumenkistchen. Vom Bürofenster aus habe ich beobachtet, wie sie dieses Kistchen putzt. Unten auf der Straße ging ein altes Ehepaar vorbei, er konnte kaum noch gehen. Auf einmal schaut die alte Dame hinauf zur Frau auf dem Balkon und schreit und schimpft sie an, nur weil sie ein Kopftuch trägt.

Was müsste sich denn Ihrer Meinung nach in den Köpfen der Leute verändern, damit das Zusammenleben mit fremden Kulturen besser funktioniert?

Ute Bock: Es müsste sich jeder bewusst werden, dass niemand auf der Welt sich ausgesucht hat, wo er auf die Welt kommt. Niemand sagt: Ich möchte in Tschetschenien auf die Welt kommen, weil dann kann ich nach Österreich gehen und dort die Sozialtöpfe ausfressen. Keiner geht von zu Hause weg, wenn er nicht unbedingt muss. Wer verlässt schon seine Familie, seine Freunde und Verwandten und kommt in ein fremdes Land, ohne zu wissen, wie es weitergeht? Wir sind Gott sei Dank hier geboren und haben es gut. Dafür sollten wir immer dankbar sein und das auch weitergeben. Die Mitmenschlichkeit ist ein Gebot in jeder Religion der Welt. Es kann uns nur so gut gehen, wie es unserer Umgebung geht.

Sie wohnen ja auch selbst hier in der Zohmanngasse, gemeinsam mit etwa 80 Flüchtlingen und Asylwerbern. Wie funktioniert das Zusammenleben innerhalb des Wohnprojekts?

Ute Bock: Das Zusammenleben funktioniert hier meistens sehr gut. Manchmal muss man die Leute bitten, ein bisschen leiser zu sein. Im Vergleich zu den Anfangsjahren ist es aber wesentlich leichter geworden. Und es gibt unendlich viele Geschichten zu erzählen.

Auch schöne Geschichten?

Ute Bock: Ja, natürlich! Ich habe viele positive Geschichten erlebt. Erst vor Kurzem ist hier im Büro einer vorbeigekommen. Das Gesicht ist mir irgendwie bekannt vorgekommen, aber erkannt habe ich ihn nicht. Er war als Kind bei mir, kam aus einer Familie, in der sich niemand um ihn gekümmert hat. Die meiste Zeit hat er im Heim verbracht. Ich hatte wenig Hoffnung, dass er es zu irgendwas bringen würde. Und jetzt hat er Arbeit und Familie. Zwar haben sich er und seine Frau getrennt, aber in gutem Einvernehmen. Er kümmert sich um seine beiden Kinder, die Familie fährt sogar gemeinsam in den Urlaub. Man kann nie wissen, was aus einem Menschen wird. Für manche Leute hätte ich früher nicht einen Pfifferling gegeben. Die haben es gepackt. Andere haben die Schule mit gutem Erfolg abgeschlossen und sind später abgerutscht.heartbeat_brand_evolution_Multikraft_multikosmos_mk13_16_17_Ute Bock_Stefanie Platzgummer.jpg

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass einige es schaffen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und andere nicht?

Ute Bock: Ich glaube, das hängt sehr stark davon ab, ob man den Menschen ein wenig Hoffnung lässt. Man darf nicht immer nur sagen: „Das hat keinen Sinn“ oder „damit brauchst du gar nicht erst anfangen“. Dieses Negative, das gilt heute als Wahrheit. Natürlich darf man den Menschen keine Lügengeschichten auftischen. Trotzdem lasse ich hier niemanden ohne einen Schimmer Hoffnung hinausgehen.

Was kann eine Ute Bock, die beinahe täglich mit tragischen Lebensgeschichten konfrontiert wird, noch freuen?

Ute Bock: Es gibt ja auch schöne Seiten. Es freut mich, wenn mir etwas gelingt. Vor allem, wenn die Menschen dann auch einmal zur Ruhe kommen können. Sie müssen sich vorstellen: Ich hatte Familien hier, die haben elf Jahre warten müssen, bevor sie das Bleiberecht bekommen haben. Elf Jahre lang haben die nicht gewusst, wie es weitergeht. Einen Familienvater, der hier in der Zohmanngasse wohnte, habe ich einmal gefragt: Was machst du denn so ein Gesicht? Du hast hier doch alles, was du brauchst. Sagt er: „Ich weiß nicht, ob meine Kinder morgen noch in die Schule gehen dürfen.“
Ich frage Sie: Was soll der tun, wenn er nicht einmal weiß, ob es für seine Familie ein Morgen gibt?

Wie könnte die Situation dieser Menschen verbessert werden?

Ute Bock: Es wäre wichtig, dass sie arbeiten können. Früher haben die „Gastarbeiter“ auf der Baustelle gearbeitet und keinen hat es gestört. Sie haben dort Deutsch gelernt, nicht immer das beste – aber sie haben sich verständlich machen können. Und wenn die Leute gemeinsam essen und miteinander arbeiten, dann funktioniert auch das Leben miteinander. Es ist dann immer noch schwierig genug. Überhaupt müsste der Umgang mit Asylwerbern ein völlig anderer sein.

Was kann jeder österreichische Bürger aus Ihrer Sicht zum Thema Integration beitragen?

Ute Bock: Jeder kann freundlich schauen, wenn er sich im Supermarkt an der Kassa anstellt. Er braucht nichts schenken, er braucht nichts zahlen. Aber jeder kann sich um Freundlichkeit bemühen. Das tut nicht weh und kostet keinen Schilling.

Goethe soll einmal gesagt haben: „Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.“ Wie steht es um Österreich?

Ute Bock: Wenn das stimmt, schaut’s schlecht aus. Aber ich glaube ohnehin, dass es mit den Ländergrenzen bald vorbei sein wird. Ich bin da voller Hoffnung. Auch, weil ich sehr oft in Schulen bin und weiß, dass die Kinder g’scheiter sind als wir. Fahren Sie einmal um die Mittagszeit mit der Straßenbahn. Die ist voll mit Schulkindern, mit schwarzen, gelben und weißen. Sie küssen sich, sie schimpfen sich, sie verdreschen sich. Das hat mit In- und Ausland überhaupt nichts mehr zu tun.♥


Magazin / Titel: multikosmos – Die Welt der effektiven Mikroorganismen
Ausgabe: 00013 / Integration / Februar 2013

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Interview: Stefanie Platzgummer
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Lektorat: Ewald Schreiber