Generation Suppenkaspar

 

Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!
Der berühmte Ausspruch des molligen, kleinen Jungen – auch Suppenkaspar genannt – ist weltweit bekannt. Was es damit auf sich hat, wenn die lieben Kleinen heutzutage ihr Essen verweigern, und wie man es schafft, dass sie sich gesund und ausgewogen ernähren, dazu gibt es viele Ideen. Letztlich sollten sich Eltern jedoch auf ihr Bauchgefühl verlassen und auf die innere Stimme ihres Kindes vertrauen.

KÜRZLICH FRAGTE ICH UNVORSICHTIGERWEISEmeine Tochter nach ihrer Meinung bei Tisch. Ich hatte, wie meist mittags in der Woche, gekocht. Ein bisschen eilig vielleicht. Wie häufig Pasta. Wie immer – so war ich sicher – mit Liebe.
Emma, acht Jahre alt, hatte gerade die nach dem Rezept einer italienischen Freundin hergestellte Salsa mit frischen Zutaten der Saison verschmäht und ihre Nudeln unter einer Schlackeschicht aus Butter, Zimt und Zucker beerdigt. Mit der Betonung auf Zucker. Ich fragte sie: „Was ist der schlimmste Fehler, den Eltern bei der Ernährung der Kinder machen können?“ Emmas Antwort kam mit vollem Mund, aus dem die braunsaftigen Zuckerspaghetti baumelten: „Dass es zu wenig Erdbeeren mit Schlagsahne gibt!“.
Ein Seufzer der Resignation von der anderen Tischseite. Ich brauchte meine Frau gar nicht anzusehen. Sanft widersprach ich, mit Blick auf meine schlürfende Tochter. „Ich habe gelernt, dass Eltern sich nach zwei Grundregeln richten sollen.
Erstens: Sie bestimmen, wie viel eingekauft wird und was auf dem Tisch steht.
Zweitens: Die Kinder entscheiden,was sie davon essen und wie viel. So machen wir das jetzt auch.“

LIEBE GEHT DURCH DENMAGEN.
Wer über die Speisegewohnheiten von Kindern nachdenkt und darüber, welche Art der Ernährung für sie gesund ist, ihrer Seele guttut und das Band zwischen ihnen und den Eltern stärkt, der findet sich inmitten der Psychologie des chaotischen Mini-Kosmos am häuslichen Esstisch wieder, und die Tischsituation birgt in vielen Familien echtes Katastrophenpotenzial – auch heute noch.
Zwar müssen sich Eltern hierzulande meistens nicht mehr damit abquälen, hungrige Mäuler zu stopfen, lassen sich doch selbst mit geringem Budget Kinder wachstumsgerecht versorgen. Nie zuvor waren so viele hochwertige Nährstoffe so preiswert aufzutreiben wie heute in den Industriestaaten.
Und dennoch: Fragt man Eltern, dann machen Angst und schlechtes Gewissen, dass ihre Kleinen zu viel oder zu wenig essen, dass sie vom Essen zu fett werden oder zu mager, zu träge oder schlecht in der Schule, einen beheartbeat_Freude_01_Suppe_03sonders schmerzlichen Teil der Erziehungsqualen aus.
Die Psychologin und Erziehungsberaterin Annette Kast-Zahn verweist in ihrem Buch „Jedes Kind kann richtig essen“ auf eine nicht repräsentative Umfrage unter 400 Elternpaaren. Diese wurden in einer Arztpraxis nach den Essgewohnheiten ihrer vier bis fünf Jahre alten Sprösslinge befragt.
Das Ergebnis: 20 bis 30 Prozent der Eltern empfanden das Essverhalten ihrer Kleinen als problematisch. Entweder befürchteten sie, die Kinder äßen zu einseitig. Oder sie hatten Angst, dass sie zu wenig zu sich nehmen.

ZU WENIG! Und das im Zeitalter der Adipositas. Studien aus dem Jahr 2006 belegen, jedes sechste deutsche Kind ist zu dick. In Österreich ist laut Ernährungsbericht 2012 beinahe jedes vierte Schulkind zwischen sieben und vierzehn Jahren übergewichtig, also adipös. Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, Papa und Mama fahndeten ängstlich nach möglichen Speckfalten am Bauch ihrer Kleinen. Aber weit gefehlt: Nur drei Prozent der Eltern, so Kast-Zahn, trieb diese Sorge um.
Auch heute noch, in Zeiten des Überflusses, bangen Eltern offenbar darum, ob ihre Kleinen genug bekommen. Zu wenig und zu einseitig essen die Kinder nach Meinung vieler Eltern und verzweifeln, wenn der Nachwuchs wochenlang auf Nudeln ohne alles besteht. Dass sie ihr Demeter-Gemüse ausnahmslos von der Gabel auf den Teller zurückplatschen lassen – von theatralischem Würgen untermalt. Dass sie überhaupt nur Ketchup zu sich nehmen, dabei laut schmatzen, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt wie ein Bierkutscher, und dass sie beim Sonntagsfrühstück bei Freunden fünf Esslöffel Zucker im Früchtetee versenken.
Die Kontroversen am Familientisch drehen sich aber gar nicht unbedingt um gesund oder ungesund. Jesper Juul, ein dänischer Pädagoge und Familientherapeut, beschreibt eben jene Probleme und Konflikte an der Essenstafel als „Indiz dafür, wie sich jedes einzelne Familienmitglied fühlt und was das Stimmungsbarometer beim Zusammensein anzeigt“. Die Spitze eines emotionalen Eisberges. Es geht nicht um Nahrung, sondern darum, wer wem wie viel Geborgenheit schenkt.

MODERNE ELTERN sind ja mittlerweile ziemlich leidensfähig im Aushalten der Launen ihrer kulinarisch anspruchsvollen Kinder. Sie tragen ihnen die Speisen hinterher, damit sie ja nicht zu wenig Nährwert aufnehmen, und streichen noch ein Nutellabrot zum verschmähten Mittagessen, damit die lieben Kleinen überhaupt etwas essen. Wie anders war das wohl, als Eltern noch glaubten, ihre Liebe durch Strenge und Autorität verteilen zu müssen und gar manche die Geschichte vom molligen Jungen mit Essstörung im „Struwwelpeter“ mit einem Erziehungsratgeber verwechselten?
heartbeat_Freude_01_Suppe_02Doch die Qualzeit bei der Mahlzeit lässt auch in heutigen jungen Familien tief blicken: Elterliche Nörgelei am Tisch hagelt es mittlerweile vor allem bei mangelnden Leistungen. Früher sollten Kinder ihre Teller noch leer essen, um „groß und stark“ zu werden. Heute, um smart und erfolgreich zu sein. Die richtige Nahrung ist zu einem wichtigen Zahnrad der übermächtigen Performance-Maschinerie geworden, in die ein Kind heute schon im Krippenalter geworfen wird.
Wer gesund speist, so die Überzeugung vieler Eltern, der ist besser aufgestellt. Ist sportlicher. Motorisch und sensorisch begabter. Schreibt bessere Schulnoten. Essen wird so – wie Fechten auf Englisch und Mathe für Krabbelkinder – zu einem weiteren „Enhancer“, mit dem Eltern ihrem „Projekt Kind“ einen möglichst guten Startplatz in den beruflichen Wettbewerb sichern wollen.
Weißer Zucker wird verdammt, das Kleinkind darf bis zum dritten Lebensjahr keine Schokolade im Mund zerschmelzen lassen, auf den Frühstückstisch kommt nur Körnerbrot und Cola bleibt auch an Kindergeburtstagen kategorisch verboten. Doch auch solch gut gemeinten und trotzdem rigorose Essensregeln können bei Kindern Angst und Druck schüren. Nämlich dann, wenn es lernt, seine eigenen Gefühle zu ignorieren und sich selbst nicht mehr zu verstehen. Vielleicht ist es darum kein Wunder, dass heute Essstörungen einen so prominenten Anteil der seelischen Erkrankungen ausmachen und unter Teens ausgeklügelte Diäten und krasses Hungern für den Traumkörper fast schon die Regel sind.

KINDER ESSEN, WAS SIE BRAUCHEN. Dabei muss ein Kind Hunger und Durst von seinen Eltern nicht erst lernen. Im Gegenteil: Es weiß traumwandlerisch sicher, was es braucht.
Ein Säugling kennt seine Gefühle besser als seine Eltern die ihren. Die amerikanische Kognitionsforscherin Alison Gopnik meint sogar, dass Babys mit einem „Leuchten-Bewusstsein“ durch die Welt robbten, einer hochsensiblen Wahrnehmung, die unseren intensivsten Erfahrungen bei Reisen oder entrückter Meditation entspreche. Kinder hören die innere Stimme, welche die Bedürfnisse ihres Körpers ausdrückt. Werden sie beständig zum falschen Essen gezwungen, lernen sie, sich selbst zu misstrauen und nicht mehr auf ihre Gefühle zu lauschen.
Ernährungsforscher sind sich also weitgehend einig:
Eltern brauchen zur Esserziehung keine Kalorien-Tabellen. Sie können sich sparen, die Ernährungspyramide an den Kühlschrank zu heften. Kinder dürfen essen, was sie wollen und wie viel sie wollen. Nur den Nachtisch. Oder nur die Suppe. Ein Stück Brot, wenn alles andere „eklig“ ist. Dazwischen Obst nach Belieben. Das ist die eine Regel.
Die andere aber lautet: Die Eltern sind der Chef. Sie bestimmen, was und wie viel davon überhaupt auf den Tisch kommt.
Liebe Eltern, Sie entscheiden, ob Sie Süßigkeiten mit hoher Energie- und niedriger Nährstoffdichte kaufen, wie viel Sie davon kaufen. Keine Sorge. Es geht. Ich habe es ausprobiert. Bei uns funktioniert es auch. Meistens jedenfalls. Wie immer in der Kindererziehung sind nicht die Kinder, sondern die Eltern die Schwachstelle. Meistens verstecken sie die Naschvorräte nicht sicher genug. Sie wundern sich dann erst, dass der Nachwuchs beim Abendbrot untypischerweise das Jumbo-Nutellaglas ignoriert, und später über sauber entleerte Toffifee-Schachteln unter dem Kopfkissen. Ich weiß, wovon ich spreche.♥

Zum Autor: Dr. Phil. Andreas Weber, geb. 1967 in Hamburg, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris. Er arbeitet heute als Schriftsteller, Journalist, Dozent und Politikberater. Andreas Weber lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Berlin-Gatow und in Varese, Ligurien.


 Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #1 / NASE / Februar 2013

Kunde: SONNENTOR Kräuterhandelsgesellschaft mbH
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Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
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Text: Andreas Weber
Fotos:
Katja Greco

Lektorat: Ewald Schreiber