Wettervorschau: Regen

Kein Grund um aus allen Wolken zu fallen!
Warum man sich über Regen auch freuen kann, hat viele Gründe:
Manche begeistert die Größe eines Wassertropfens, einige die Regenjacke für den Hund. Wieder andere lieben das Küssen im Regen und viele fasziniert die Möglichkeit der Vorhersage. Den Regen aber einfach als Schlechtwetter zu verteufeln, ist eine verkürzte Sicht der Dinge.

ES IST NUR EIN KLEINES PROPELLERFLUGZEUG, in das Georg Vogl auch diesen Sommer wieder steigen wird. Er startet die Motoren, prüft, ob die Ladung an Bord ist, lässt den Motor an und steigt auf. Die Piste ist irgendwo im deutschen Voralpenland, wenn er losfliegt, sieht er auf der einen Seite die bayerische Seenlandschaft, auf der anderen die Alpen. Wenn er die richtige Höhe erreicht hat, sucht er sein Ziel: Wolken. Er fliegt in sie hinein, über sie hinweg, öffnet schließlich seine Ladeklappen. Er lässt Silberjodid auf die Wolken fallen, und kurz darauf geht es los, dann arbeiten die Wolken. So wie er will.
Der Pilot fliegt für den Landkreis Rosenheim und ist einer der wenigen „Hagelpiloten“, die es noch gibt. Er „impft“ die Wolken mit seinem Jodid und sorgt dafür, dass die Wolken Regen und vor allem Hagel produzieren, bevor sie Schaden auf den Getreidefeldern anrichten. Anstatt Schadensbegrenzung zu betreiben, erfüllen solche Flieger anderswo Wetter nach Wunsch: Vor den Olympischen Spielen in Peking ließen etwa die Chinesen Wolken vorzeitig abregnen, in Russland blieben mit dieser Technik auch schon große Open-Air-Konzerte regenfrei.


Wetter-Propheten der Natur:
DER FICHTENZAPFEN
Wenig bekannt, aber als Feuchtigkeitsmesser tauglich: der Zapfen von Fichten oder anderen Nadelbäumen.
Um ihre Samen zu schützen, schließen sich Zapfen, wenn die Luft feuchter wird.
Bei Trockenheit öffnen sie sich wieder.
Wer ein rein pflanzliches Hygrometer bauen möchte, findet Anleitungen im Internet.


EITEL SONNENSCHEIN STATT REGENSCHAUER?Was tut der Mensch nicht alles, um Regen zu vermeiden. Sogar Chemie schüttet er über den Wolken aus! Kein Naturphänomen hat einen ähnlich schweren Stand. Regen, das ist Nässe, bei Regen hat man eine schlechte Sicht, Regen bedeutet Wolken, Wolken bedeuten Gewitter. Regen verändert die Umwelt: Der Boden wird matschig, die Luft wird dunstig. Schlechte Voraussetzungen, da setzt man sich lieber in die Sonne. Aber warum eigentlich? Hat der Regen tatsächlich nur eine, nämlich unangenehme, grausige Seite? Das vom Himmel zur Erde strömende Nass gehört doch zum Wetter wie die Henne zum Ei, entkommen werden wir ihm nie können. Und das sollten wir auch gar nicht, denn: Regen hat sehr viel mehr zu bieten, als wir annehmen. Die Wissenschaft weiß um die Einzigartigkeit dieses Wetterspezifikums und erforscht seit Jahrhunderten das Phänomen „Regen“. Sie bewegt sich dabei auf den Spuren des Volksglaubens und den Fährten einer präindustriellen Gesellschaft, die sich vielfach bemühten, in die Zukunft zu sehen, und das Unbestimmte, Unvorhersehbare kontrollieren wollten. Heute sind es die Meteorologen, die dem Naturphänomen enthusiastisch auf den Grund gehen und mittlerweile Dutzende Formen von Regen definieren. Da gibt es den Frontregen, den Landregen, es gibt Starkregen, Platzregen, Sprühregen oder Eisregen. Es gibt warmen Regen und gefrierenden Regen. Es gibt einen Monsunregen und einen Tropenregen. Und alle bedeuten doch dasselbe:

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Die Siebziger: das Wettertier. Glitterfiguren, die auf Luftfeuchtigkeit regieren. Blau heißt warm und trocken, Rosa bedeutet Regen.

WASSER FÄLLT VOM HIMMEL. Wenn es nur so einfach wäre. Hinter dem Naturphänomen Regen steckt viel mehr, Regen ist ein komplexer Vorgang. Heute weiß man: Ursprung des Regens ist Wasserdampf, der in Wolken kondensiert. Es bilden sich dann sogenannte Wolkentropfen, die durch Luftströmung und Luftreibung in der Schwebe gehalten werden. Wenn aber die Tröpfchen zu groß werden, werden sie schwer, die Schwerkraft zwingt sie nach unten, aus den Wolken heraus.
Und es regnet. Die Meteorologen unterscheiden dabei den Steigungsregen, dessen Wolken an einem Gebirge aufsteigen und abregnen, vom Konvektionsregen, bei dem feuchte Luft aufgrund von Erwärmung und entsprechender Luftströmungen in die Höhe steigt und sich zu Wolken sammelt. Typischer für unsere Breiten ist eine dritte Form, bei der die feuchte Luft an einer Kaltluftfront aufsteigt und den sogenannten Nimbostratus bildet, eine Wolkendecke, die den ganzen Himmel bedeckt und Dauerregen mit sich bringt. Bei so einem Wetter bleibt man lieber drinnen, oder? Ganz und gar nicht. Auch hier dürfen wir uns wieder die Wissenschaftler zum Vorbild nehmen. Denn nicht nur Meteorologen, sondern auch Mathematiker stehen quasi gern im Regen. Die Zahlenkünstler fasziniert dabei vor allem die Grundessenz: der Wassertropfen. Form, Durchmesser und Fallgeschwindigkeit, was da als Regen vom Himmel prasselt, ist faszinierende Grundlage der Forschung. Ihr verdanken wir die Information, dass Tropfen mit einem Durchmesser von einem Millimeter mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde auf die Erde treffen. Mathematiker errechneten, dass Tropfen bis zu einem Millimeter Durchmesser ungefähr kugelförmig sind und sich erst, wenn sie größer werden, verformen. Der größte je fotografierte Regentropfen hatte übrigens neun Millimeter im Durchmesser – ein dicker Brummer in der Welt des Regens, der oft unbeachtet an die Windschutzscheibe des Autos klopft und vom Scheibenwischer einfach weggewischt wird.
Meteorologen und Mathematiker haben jedenfalls ihre Freude am Regen.
Und wer liebt nicht auch das Gefühl der Abkühlung an einem heißen Sommertag, wenn ein Schauer vorbeizieht? Dann sind wir fasziniert von den Sommergewittern, die nach einem heißen Tag über uns hereinbrechen. Dabei ist der Sommer sowieso die Jahreszeit, in der am meisten Regen fällt – und nicht, wie man meinen könnte, der Herbst. Und was uns daran besonders gefällt?
Der Duft. Der einzigartige Geruch in der Luft, den der Regen hinterlässt. Dieses erdige Aroma, das zum einen von Staubteilchen am Boden verursacht wird, die der Regen herumwirbelt, und zum anderen an diversen pflanzlichen Ausdünstungen liegt. Geosmin etwa riecht nach Erde und Wald. Wir bemerken diesen Geruch intensiver, wenn er mit der feuchten Luft auf unsere Nasenschleimhaut trifft.


Wetter-Propheten der Natur:
DER FROSCH
Klettert er auf eine Leiter, wird’s schön? Nicht unbedingt.
Laubfrösche als Wetterbarometer sind nichts weiter als Aberglaube.
Richtig ist, dass Frösche auf ihre Umwelt und auch klimatische Veränderungen derselben äußerst sensibel reagieren.
Die Anzeichen sind aber weit komplexer und für Laien schwierig zu deuten.
Wettervorhersagen sollten wir – den Tieren zuliebe – Meteorologen überlassen.


SO SCHÖN, SO SPEKTAKULÄR KANN REGEN SEIN! Selbst wenn wir instinktiv Schutz vor den nassen Tropfen suchen, so ist doch auch das heimelige Gefühl am Fenster oder unter Cape und Regenschirm etwas Besonderes, das uns ohne sogenannte „Schlechtwetterperioden“ entgehen würde.
Dabei ist Regenkleidung selbst eine eher moderne Erfindung und „schlechtes Wetter“ wohl eher eine Frage der Definition.
Immerhin hatte der Mensch in früheren Jahrhunderten mehr Probleme mit der Sonne als mit dem Regen. Die Geschichte des Regenschirms ist eigentlich nur die schnöde Umkehrung einer Schutzfunktion: So finden sich erst im späten 17. Jahrhundert Hinweise darauf, dass Schirme nicht nur vor Sonne, sondern auch vor Regen schützen sollen. Was den Regenschutz angeht, macht die Bekleidungsindustrie heute übrigens beim Menschen nicht Halt. Längst hat sie auch unsere Haustiere als Kunden entdeckt. Wer will, kann sich für seinen Hund den Regenmantel „Barking in the rain“ kaufen oder einen „Outdoor Overall“.
Aber ist das wirklich nötig? Tiere wissen eigentlich recht genau, wie man sich bei Regen verhält. Pferde etwa stellen sich bei Regenfall ganz nah zusammen und strecken dem Regen einfach das Hinterteil zu. Bei Fledermäusen wurde nachgewiesen, dass sie dem Regen sogar aktiv ausweichen. Hunde und Katzen fliehen sowieso vor der Nässe. Einige Tiere aber fühlen sich erst im Regen so richtig wohl. Wie jedes Kind weiß, das schon einmal bei Regen im Matsch gespielt hat, zieht es Regenwürmer bei Regen an die Oberfläche. Sie brauchen Feuchtigkeit, um nicht auszutrocknen. Aber auch wenn es so gut passen würde, der Name Regenwurm kommt leider nicht vom Regen, sondern vom „regen Wurm“.
Fest steht: Regen wühlt uns auf, er provoziert Gefühle und lässt uns nicht in Ruhe.
Er macht die Natur erst zu dem, was sie ist. Er lässt die Pflanzen sprießen, er lässt das Gras wachsen, ohne Regen kein Grün. Wir haben dem Regen viel zu verdanken. „Auf Regen folgt Sonne“, so besagt eine alte Weisheit, die auf das natürliche Gleichgewicht des Lebens anspielt. Und ob wir uns nun über Regen oder Sonne freuen, eines ist sicher: Mit unserem Verhalten beeinflussen wir das globale Wettergeschehen. Dabei geht es allerdings weniger um unsere emotionale Einstellung, als um die Dinge, die wir tun oder eben nicht. Viele unserer Entscheidungen – ob wir etwa das Auto oder das Rad zum Einkaufen nehmen – sind klimarelevant.

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Für die Realisten: die Wetterschnur. Einfach aufs Brett schauen und vom aktuellen Wetter überraschen lassen.

KLIMA IM WANDEL.
Die meisten Experten sind sich einig, dass wir anfangen sollten, das Schöne am Regen zu erkennen. Denn in Zukunft wird mehr Regen auf der Nordhalbkugel fallen. Das kann leider auch zu mehr Überschwemmungen, zu mehr Missernten führen. In manchen Gebieten der Erde könnte es in Zukunft aber auch viel weniger regnen: In den Tropen etwa, wo Holz nach wie vor großflächig abgeholzt wird. Die Folgen haben sich britische Forscher angeschaut und herausgefunden, dass, wenn Luftmassen über abgeholzte Flächen ziehen, weniger Regen fällt. Die Forscher untersuchten die Regenwälder in Südamerika und in Zentralafrika. Bis 2050 prognostizieren sie eine Abnahme des Regens um 12 bis 20 Prozent. Die Folgen könnten katastrophal sein: Dürreperioden und Waldbrände. Pflanzen werden weniger Wasser bekommen, die Sterblichkeitsrate wird steigen und ganze Tierarten könnten verschwinden.


Wetter-Propheten der Natur:
DAS MURMELTIER
Jahr für Jahr am 2. Februar wird in der verschlafenen Kleinstadt Punxsutawney in den USA
ein Murmeltier aus seiner Behausung gelockt, um festzustellen, ob der kleine Nager einen Schatten wirft oder nicht.
Mit diesem Brauch soll festgestellt werden, ob der Frühling beginnt oder noch länger auf sich warten lässt.
Seit 1887 hat das allerdings nur in 39 % der Fälle geklappt.


OHNE REGEN BLEIBT NICHTS, WIE ES IST. Anders ausgedrückt, beeinflusst der Regen uns Menschen mehr, als uns eigentlich klar ist. Das größte Vorurteil, das es über Regen gibt, ist, dass er schlechte Laune bereiten würde. Doch Studien belegen das Gegenteil. Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität haben die Stimmung von Probanden über Jahre mit dem Wetter abgeglichen und glauben, dass das Wetter die Laune kaum beeinflusst. Wie so vieles seien immer die persönlichen Lebensumstände der wichtigste Faktor: Sonne macht uns nicht glücklicher, Regen nicht trauriger. So schlimm wie sein Ruf ist der Regen also nicht. Gene Kelly hat es in den fünfziger Jahren vorgemacht, als er im berühmten Musical durch den Regen getanzt ist, keine Pfütze ausgelassen und quietschnass „I’m singing in the rain“ geträllert hat. Und hat uns Hollywood nicht auch gelehrt, dass der Kuss im Regen vielleicht der schönste ist? Man könnte es ja einmal ausprobieren…♥

 Zum Autor: Mathias Weber arbeitet als freier Journalist u. a. für die Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“.  Am besten gefällt ihm am Regen der Regenbogen – idealerweise auf 180 Grad.

 


Für Regenfans und solche, die es werden wollen:
Es ist die Einstellung, die zählt. Denn wer bei nassem Wetter Trübsal bläst, dem kann viel Spaß entgehen. Daher empfehlen wir: Gummistiefel anziehen, Pelerine überziehen und raus in den Regen.

REGENWANDERN

Wer hätte gedacht, dass es sich bei Regen leichter wandert? Wer sich bei schlechtem Wetter motiviert, belastet sein Herz um bis zu 40 % weniger. In der Alpenregion Bludenz setzt man daher ganz bewusst auf den Regen und bietet spezielle Wanderungen.
Und während sich ältere Semester auf Entspannung freuen können, schlägt das Herz der Kinder bei einem solchen Abenteuer bestimmt höher. Ein Mehr-Generationen-Abenteuer!
www.alpenregion.at

WETTERFEST

„Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung.“
Wer von uns erinnert sich nicht an diese Weisheit, die uns an Regentagen um die Ohren geflogen ist. Aber wie so oft steckt viel Wahrheit in solchen Sprüchen. Aber Vorsicht: 2011 fielen bei „Ökotest“ alle 13 getesteten Regenjacken für Kinder durch die Schadstoffprüfung. Zinkverbindungen, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, chlorierte Kunststoffe – da denkt man eher an Chemielabor als an Regenschutz. Achten Sie beim Kauf daher auf Öko-Siegel, der Gesundheit und der Umwelt zuliebe.
www.fairoutdoor.de, www.ecolabel.eu, www.bluesign.com

REGENWALD

Die Schutzfunktion des Regenwaldes für die Erde und all ihre Lebewesen ist unermesslich. Neben seiner Bedeutung für das globale Klima bietet er eine fast unendliche Vielfalt an natürlichen Heilmitteln. Im Regenwald scheint tatsächlich gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen zu sein. Auch unzählige Nutzpflanzen haben hier ihren Ursprung. Die wirtschaftliche Ausbeutung des Waldes ist entsprechend dramatisch. Um die Bewahrung dieses einzigartigen Lebensraums sollten wir uns alle bemühen.
www.regenwald.org, www.pro-regenwald.org, www.robinwood.de


Magazin / Titel: FREUDE -Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #2 / REGEN / August 2013
Kunde: SONNENTOR Kräuterhandels GmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Text: Mathias Weber
Fotos: Katja  Greco
Lektorat: Ewald Schreiber