Das Baum-Prinzip: Wachsen & Reifen

Die Natur macht es uns vor: Aus einer kleinen Eichel kann ein mächtiger Baum heranreifen. Bis es so weit ist, vergehen Jahre. Hunderte, manchmal sogar tausende Ringe – gut versteckt im Bauminneren – deuten vom lebenslangen Wachsen und Reifen der Pflanze. Und auch wir Menschen entwickeln uns stetig weiter, mit allen Höhen und Tiefen. Denn was wir aus unserem Leben machen, liegt zu einem großen Teil in unserer eigenen Hand. Nehmen wir die Herausforderungen an, begegnen wir den Schwierigkeiten und heißen das Glück willkommen.

 

LEBEN IN SIEBENJAHRESPERIODEN. In der von Rudolf Steiner begründeten Anthroposophie, wie auch in anderen Philosophien, wird das Leben in Siebenjahres-Schritten eingeteilt: Demnach vollziehen sich alle sieben Jahre innerliche Reifeprozesse in der geistigen, körperlichen und seelischen Entwicklung. Wenn der Mensch geboren wird, sind alle seine Wesenszüge schon veranlagt. Sie sind dem Menschen zunächst nur verliehen; wir sind gefordert, sie nach und nach zur Reife zu bringen. Das erste Jahrsiebt ist nach dieser Lehre die Zeit der Körperlichkeit und beinhaltet das intensive Lernen über den Körper: Laufen, sprechen, soziale Kontakte knüpfen. In der sogenannten Trotzphase lernt das Kind, Nein zu sagen und seinen eigenen Willen durchzusetzen. Es beginnt, sich körperlich und emotional von seinen Bezugspersonen zu trennen. Voraussetzung für das Gelingen dieses Entwicklungsschritts ist, dass es sich bejaht, geliebt und angenommen fühlt, dass es die Zuwendung und gleichzeitig die Freiräume bekommt, die es braucht. Das Kind wird dann trotzig, wenn ihm signalisiert wird: „So wie du bist, bist du nicht in Ordnung“.
Anfangs noch auf die Hilfe der Großen angewiesen, lösen wir uns nach und nach aus dem Kokon, der uns schützend umgibt. In den Baby und Kinderjahren leistet der Mensch Unglaubliches: In kurzer Zeit wird aus dem bedürftigen Säugling ein Kleinkind, das die Welt verstehen und seinen Platz darin finden möchte. Und bereits hier ist auch das Scheitern ein Teil des großen Ganzen, ein Teil des Gelingens, wenn man so will. Denn, „kaum ein Mensch kann auf eine ideale Kindheit zurückblicken“, sagt die systematische Familientherapeutin und Buchautorin Ulrike Dahm. Die gute Nachricht aber ist: Als Erwachsener hat man die Chance, die Wunden aus der Vergangenheit selbst zu heilen.

AUF DEM WEG ZUM ERWACHSENSEIN. Kinder sind von Geburt an neugierig, sie wollen die Welt verstehen und daran teilhaben. Im besten Fall begleitet uns diese Neugierde ein Leben lang und trägt dazu bei, uns immer weiter zu entwicklen und nicht eines Tages im Stillstand zu verharren. Wir können von Kindern viel lernen, von ihrer Hingabe, ihrer Ausgelassenheit und Offenheit. Leider gehen Vielen diese Eigenschaften im Laufe der Jahre verloren oder werden zumindest überdeckt vom rationalen Denken der Erwachsenen. In der Pubertät, dem dritten Jahrsiebt, beginnen Jugendliche, sich von ihren Eltern zu lösen. Eltern stehen während dieser Zeit vor der großen Heraus forderung, ihre Kinder loszulassen und sie dabei zu unterstützen, ihren Weg zu finden. Die Pubertät ist geprägt von Hormonschwankungen und einer Umstrukturierung des Gehirns – dementsprechend unvorhersehbar gestaltet sich das Verhalten von Jugendlichen und ihre Beziehung zu den Erwachsenen.
Wenn alles gut geht, können Jugendliche sich ohne Schuldgefühle von zuhause lösen und den Übergang ins Erwachsenenleben vollziehen. Der Umzug in ein eigenes Heim, eine Berufsausbildung oder die erste Arbeitsstelle prägen diese Zeit.

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ETWAS WEITERGEBEN. Haben wir schließlich die Schwelle vom Teenager zum Erwachsenen geschafft, geht die Reise auch schon munter weiter. Manche stellen sich dann vielleicht der Aufgabe, Eltern zu werden, und damit ihr bisheriges Leben auf den Kopf. Kinder spiegeln uns nur allzuoft die eigenen Schwächen, was uns nur bewusst macht, dass das Leben ein ständiger Lernprozess bleibt. Verantwortung ist hier das Stichwort und der vielleicht größte Schritt ins Leben. Ob in der Familie, im Beruf, ob in der Freizeit, im sozialen oder im politischen Bereich. Wer sich für etwas engagiert, weckt oft ungeahnte Stärken und muss darüber hinaus oft lernen, auch hin und wieder etwas loszulassen. Aber eines ist gewiss: Alles, was wir geben, kommt hundertfach zurück.

GEMEINSAM MIT DEM PARTNER WACHSEN. Damit wir uns als Menschen weiterentwickeln, erfordert jede zwischenmenschliche Begegnung, die wir im Leben machen, achtsame Aufmerksamkeit, im Besonderen die Partnerschaft.
In einer Beziehung ist es die Bereitschaft, sich mit dem Partner zusammen weiterzuentwickeln, ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren.
Die Imago-Methode zum Beispiel geht vom Gedanken aus, dass wir uns unseren Partner nicht zufällig aussuchen. „Vielmehr ist er die einzig richtige Person, mit der wir gemeinsam heil werden und wachsen können“, erklärt Roland Bösel, Paar und Imagotherapeut. Bösel berät mit seiner Frau Sabine Paare, die an ihrer Beziehung arbeiten möchten. „Jeder von uns sucht unbewusst einen Partner, der ein ähnliches Lebensthema hat wie wir selbst, der etwa in der Kindheit seelische Verletzungen erlitten hat“, erklärt Bösel. „Der Partner ist der beste Trainer, diese Verletzungen aufzuarbeiten, wenn wir uns darauf einlassen.“ Roland und Sabine Bösel sind seit 40 Jahren ein Paar. Als sie sich trafen, konnten ihre Geschichten nicht unterschiedlicher sein: Er entstammte einer Familie, die einen Fleischereibetrieb führte, mit dem Auftrag, das familieneigene Unternehmen weiterzuführen. Sie gehörte dem Bildungsbürgertum an. „Sabine war damals die Erste, die mich fragte, ob ich meine Zukunft wirklich in der Fleischerei sah. Sie ermutigte mich, so wie sie eine Psychotherapieausbildung zu machen.“ Mit 34 Jahren beschloss Bösel, der Fleischerei den Rücken zu kehren und sich voll und ganz der Psychotherapie zu widmen. Später lernten er und seine Frau die Imago-Methode kennen und beschlossen, zusammenzuarbeiten. „Wichtig ist, sich in einer Beziehung selbst treu zu bleiben“, ergänzt Bösel. „Denn wie soll ich meinem Partner treu sein, wenn ich es bei mir selbst nicht schaffe?“

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DIE MITTE DES LEBENS. Wenn die Jahre ins Land ziehen und sich die Lebensmitte nähert, kommt bei vielen Menschen der Zeitpunkt, an dem sie sich fragen: Was habe ich bisher erreicht? Habe ich mir meine Träume erfüllt? „Die Lebensjahre zwischen 40 und 50 sind für viele Menschen eine krisenanfällige Phase“, sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Entwicklungspsychologin an der Universität Bern. „Es ist die Zeit der Bilanzierung, und damit auch der Chance zum Neustart: Man überprüft seine Partnerschaft, den Beruf, die eigenen Ansprüche.“ Nach dieser Umbruchphase geht jedoch die Lebenszufriedenheitskurve wieder nach oben. „In allen Umbruchphasen sind wir gefordert, unsere Identität neu zu definieren“, ergänzt Perrig-Chiello. „Man muss akzeptieren, dass man nicht mehr der ist, der man war.“ In der Anthroposophie gilt das sechste Jahrsiebt, die Zeit zwischen 42– 49 Jahren, als die Zeit der ersten Seelenweisheit. Menschen dieses Alters sehen klarer zurück als je zuvor, stoßen aber auch an Grenzen. Sie gewinnen Weitblick und erschließen sich neue innere Kraftquellen.

GEMEINSAM MIT DEM PARTNER ÄLTER WERDEN. Das achte Jahrsiebt (56 – 63 Jahre) ist die Zeit der Entscheidung. Wir finden heraus, welchem Lebensfeld wir oberste Priorität einräumen wollen. „Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen und das Leben bis zum letzten Moment zu gestalten“, ist Gerontologe Andreas Kruse überzeugt. Viele Ängste und Vorurteile ranken sich um das Alter, viele Menschen blenden dieses Thema lieber aus, als sich damit auseinanderzusetzen. Unsere Gesellschaft, allen voran Medien und Werbung, wollen uns weismachen, dass Altern nicht erwünscht ist (warum sonst gäbe es so viele „Anti-Aging“-Produkte?), der Jugendwahn treibt seltsame Blüten. Dabei liegt gerade im Älterwerden die Chance, zu sich selbst zu finden. Jedes Jahr kann uns dabei helfen, zu reifen, Dinge neu zu betrachten. Die Fragen, die wir uns in dieser Lebensphase stellen können, lauten: Wer bin ich? Wo sehe ich mich in der Gesellschaft? Wie sehe ich meine Zukunft? Das Älterwerden bietet neue Freiheiten und Chancen. Das Schöne daran: wir werden reifer und weiser. Menschen in der zweiten Lebenshälfte sehen vieles gelassener; was andere über sie denken, wird unwichtiger. Die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern ist überzeugt: „In der zweiten Lebenshälfte bekommen alte Träume eine große Bedeutung. Je mehr man versucht, sie zu unterdrücken, umso mehr sind sie da.“

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SEIN, WIE MAN WIRKLICH IST. Elisabeth Krimmer begann zu malen, als ihr Mann krank wurde und kurz darauf verstarb. Heute sind ihre Bilder regelmäßig in Ausstellungen zu sehen. Daneben hält die 75-Jährige Deutschkurse mit syrischen Flüchtlingen ab und besucht regelmäßig alte Menschen, die im Seniorenheim leben. „Ich besinne mich jetzt im Alter auf meine Werte und setze Prioritäten“, sagt Krimmer, die drei Kinder geboren hat und heute in Perchtoldsdorf lebt. „Ich finde es wichtig, auf die körperliche und seelische Gesundheit zu achten, aber auch, mit sich selbst im Reinen zu sein und nichts zu bereuen.“
Das zehnte Jahrsiebt (70 –77) ist gemäß der Anthroposophie die Zeit der Verjüngung. Das mag paradox klingen, doch die innere weise Frau (oder der innere weise Mann) gewinnt an Spannkraft und Flexibilität, sobald „die Dinge der Jugend“ mit Anmut aufgegeben werden. In einem erweiterten Sinn lässt man los und wird noch freier. Psychologin Perrig-Chiello bringt es auf den Punkt: „In der Lebensmitte merkt man oft: Vor lauter Kompromissen ist die Frage offen geblieben, wo man denn selbst bleibt. Das ist die Chance der zweiten Lebenshälfte:So zu sein, wie man wirklich ist und sein will.“♥

Zur Autorin: Susanne Wolf arbeitet als selbstständige Journalistin mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit und Soziales für Magazine wie „Konsument“, die „wirtschaft“ oder „Option“. Ihr Anliegen ist es, mit lösungsorientiertem Journalismus einen Kontrapunkt zu Negativschlagzeilen zu bieten. susanne-wolf.com


Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #8 / HOLZ / Oktober 2016
Kunde: SONNENTOR Kräuterhandels GmbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer

Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building 
Text: Susanne Wolf
Lektorat: Ewald Schreiber