Dem Hamsterrad davonlaufen

Hamster müssen schnell sein. Das Weglaufen vor Feinden rettet ihnen in freier Wildbahn das Leben. Stehen den flinken Vierbeinern die Weiten der Prärie nicht zur Verfügung, dient das Laufrad als Bewegungsersatz. Es ist ein seltsamer Anblick, wenn das Tier auf seinen kleinen Pfötchen dahinstrampelt und trotzdem nicht vom Fleck kommt. Seltsam vertraut, könnte man sagen, denn auch wir Menschen treten manchmal auf der Stelle. Wer sich im Rad des Lebens stattdessen wohlfühlen und weiterbewegen möchte, der kann jederzeit und allerorts damit anfangen. Der Weg in die Freiheit ist meist nicht so weit, wie man denkt.

„EINES TAGES, BABY, WERDEN WIR ALT SEIN und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Julia Engelmann sagt in einem YouTube-Video, das die Studentin und Schauspielerin beim Poetry Slam in Bielefeld zeigt, frei heraus, was sich andere oft nur denken. Das Video wurde beinahe 10 Millionen Mal aufgerufen.
Die 21-Jährige traf damit einen Nerv unserer Zeit, sie bringt das Lebensgefühl vieler Menschen auf den Punkt. Denn wer kennt es nicht? Das Gefühl, ein fremdbestimmtes Leben zu führen und permanent unter Druck zu stehen.
Verschnaufpausen und Rückzugsmöglichkeiten haben kaum Platz, wenn das Leben lediglich aus durchorganisiertem Alltag besteht. Der Stress ist zum Teil hausgemacht: Zu hohe Ansprüche an sich selbst, das Gefühl, funktionieren und es allen recht machen zu müssen, erzeugen Druck. Wenn dann noch das Bedürfnis dazukommt, gewisse Dinge besitzen zu müssen, um zufrieden zu sein – oder im Vergleich mit anderen bestehen zu können –, verstrickt man sich in einen Teufelskreis aus immer mehr Arbeit und immer weniger Genuss. Irgendwann fühlen Betroffene sich wie ein Rädchen im Getriebe, die wirklich wichtigen Wünsche und Träume werden hintangestellt.

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Der Bürohamster: Sein natürlicher Habitat ist der Platz vorm Pc.

„ICH WÜRDE GERN SO VIELES TUN. Meine Liste ist so lang, aber ich werd’ eh nie alles schaffen. Also fang’ ich gar nicht an.“ Wer im Alltagstrott feststeckt, glaubt irgendwann nicht mehr daran, etwas in seinem Leben oder im eigenen Umfeld ändern zu können. Job, Familie und andere Pflichten lassen oft wenig Raum für eigene Wünsche. Aus Angst vor Jobverlust oder dem mangelnden Verständnis von Familie und Freunden halten viele an einem Leben fest, das ihnen nicht entspricht.
Doch es zahlt sich aus, verborgene Sehnsüchte ans Tageslicht zu holen und sich wenn möglich eine Auszeit zu nehmen: Ein Urlaub ohne Handy und Notebook oder längere Pausen wie Bildungskarenz oder Sabbatical können erste Anstöße für einen Perspektivenwechsel sein. Aber auch kleine Veränderungen helfen dabei, aus dem immer gleichen Alltag auszubrechen: hin und wieder das Auto stehen lassen, um zur Arbeit zu radeln oder zu Fuß zu gehen – und dabei die Umgebung ganz neu entdecken. Am Abend den Computer und das Telefon ausgeschaltet lassen, um lieber einer Beschäftigung nachzugehen, die die Seele streichelt: tanzen gehen, sich mit lieben Freunden treffen, Tagebuch schreiben – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. „Jeder muss für sich selbst herausfinden, was gut tut, wie man Energie tanken kann“, erklärt die Psychologin und Psychotherapeutin Anneliese Fuchs, Herausgeberin des Buches „Der Ausbruch aus dem Hamsterrad“. „Das kann ein Spaziergang in der Natur sein, eine Meditation oder ein Saunabesuch. “Fuchs stellt fest, dass viele Menschen aus Angst, den Job oder Freunde zu verlieren, ein Leben führen, das ihnen nicht entspricht. „In meinen Vorträgen rate ich, mit dem Jammern aufzuhören und stattdessen aufzustehen und etwas zu tun. Jede Art von Erfahrung, auch negative, bringt uns weiter – wir müssen wieder lernen, Fehler zu machen und auch mal Nein zu sagen!“, ist die Psychologin überzeugt.

„WENN WIR DANN ALT SIND und unsere Tage knapp, und das wird sowieso passieren, dann erst werden wir kapieren – wir hatten nie was zu verlieren, denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen.“Dass es möglich ist, einen völlig anderen Weg zu gehen, beweisen Menschen wie Heidemarie Schwermer: Die 71-Jährige lebt seit 1996 ohne Geld. Die ausgebildete Lehrerin und Psychotherapeutin gründete bereits vor 20 Jahren die „Gib und Nimm“- Zentrale in Dortmund, einen Tauschring, in dem Dienst-leistungen, Fähigkeiten und Gegenstände miteinander getauscht und geteilt werden, ohne dass Geld dabei eine Rolle spielt. Der Erfolg des Tauschrings brachte die damalige Lehrerin auf die Idee, es eine Zeit lang ganz ohne Geld zu probieren: Sie gab Arbeit, Wohnung und jeden Besitz auf und hütet seither Häuser und Wohnungen von Gleichgesinnten, die gerade auf Reisen sind. Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch sind, bekommt sie von einem Bioladen, im Gegenzug fegt sie den Laden oder bietet psychologische Beratung an.

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Der Elternhamster: läuft oder räumt meist hinter dem Nachwuchs her.

IHR ANTRIEB? „All mein Tun richtet sich auf eine Welt aus, in der die Menschen ganz anders miteinander umgehen, als es heute geschieht. Eine Welt, in der die Ressourcen geachtet werden, die Würde der Menschen im Mittelpunkt steht, das Einssein gefühlt und gelebt wird“, erzählt Schwermer.
„In unserer heutigen Gesellschaft fallen immer mehr Menschen unter die Armutsgrenze und viele leben am Existenzminimum – auch hierzulande. Ich möchte diese Menschen durch meine Art zu leben stärken und ihnen die Angst nehmen, irgendwann in der Gosse zu landen.“ Auf die Frage, ob sie in ihrem Leben ohne Geld jemals etwas vermisst hätte, antwortet die 71-Jährige: „Alles, was ich wirklich brauchte, kam zu mir. Wenn ich mir etwas wünsche, ist es irgendwann da.“

„ALSO LASS UNS DOCH GESCHICHTEN SCHREIBEN, die wir später gern erzählen.“
Auch Michael Hartl und Lisa Pfleger haben sich mit ihrem „Experiment Selbstversorgung“ einen Traum erfüllt. Seit zwei Jahren betreibt das Paar einen Hof im Südburgenland und führt ein Leben im Einklang mit der Natur. „Unser Ziel ist es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei von Zwängen und unter Rücksichtnahme auf natürliche Ressourcen“, erklärt Hartl. Als Aussteiger sehen sie sich dennoch nicht, da beide auch ganz gewöhnlichen Brotjobs nachgehen – wenn auch mit stark reduzierter Arbeitszeit. „Ich arbeite 20 Stunden als Unternehmer in der IT-Branche und kann das meiste von zuhause aus erledigen“, erklärt der 32-Jährige. „Wir möchten uns nicht von der Gesellschaft abkapseln, sondern mit ihr gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten.“ Lisa Pfleger trägt– man lese und staune – mit selbst gefertigten Hula Hoops zum Haushaltseinkommen bei.

„SELBSTVERSORGUNG bedeutet für uns, sich mit allen Mitteln, die wir zum Leben brauchen, so weit wie möglich selbst zu versorgen“ ergänzt die 24-Jährige. „Das gelingt uns im Moment am besten mit dem Anbau von Obst und Gemüse. Es geht uns dabei besonders um naturnahe und nicht-kommerzielle Landwirtschaft.“ Dazu gehört aber auch ein bewusster Lebensstil, bei dem etwa Dinge mit Sorgfalt behandelt werden, um deren Lebensdauer zu verlängern. Und das Paar möchte diesen Lebensstil auch anderen nahebringen: Hartl und Pfleger sind dabei, einen Verein für Naturerfahrung und Umweltbewusstsein (Verein Naturbande) aufzubauen, bieten Kurse an und möchten Modelle wie Carsharing oder einen Geräteund Werkzeug-Pool umsetzen. „Es gibt viele Dinge, die nicht jede einzelne Person besitzen muss, sondern die sich wunderbar gemeinsam nutzen lassen!“ Interessierte werden zudem eingeladen, das Leben am Hof kennenzulernen, gegen Kost und Logis mitzuhelfen und sich dabei mit Gleichgesinnten auszutauschen.

„LASS UNS AN UNS SELBER GLAUBEN, ist mir egal, ob das verrückt ist.“ Nicht jeder ist in der Lage, sein Leben komplett umzukrempeln. Aber kleine Schritte zu einem nachhaltigen und bewussten Leben kann jeder gehen, der das möchte. „Eine erste Möglichkeit wäre, die Arbeitszeit zu reduzieren“, meint Lisa Pfleger. „Zu schauen, was man wirklich braucht, und zu genießen, was man vor der eigenen Haustür findet.“ Ihr Partner ergänzt: „Jeder kann den Konsumwahn hinter sich lassen, der uns alle so einschränkt. Letztendlich geht es aber darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen und diese dann umzusetzen – doch ohne sich dabei unter Druck zu setzen.“ Heidemarie Schwermer rät dazu, mit folgenden Fragen zu beginnen:

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Der Arbeitshamster: selten ohne Bürotasche oder Aktenkoffer anzutreffen.


„WIE WILL ICH WIRKLICH LEBEN?
Was brauche ich nicht mehr, kann ich in meinem Alltag weglassen? Es geht um Bewusstsein und um eine Klarheit für das eigene Leben.“
Wachstumskritiker wie der deutsche Ökonom Niko Paech sind ohnehin davon überzeugt, dass das Ende des lediglich auf Wachstum orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems gekommen ist. Paech kritisiert in Vorträgen das System, das auf der Plünderung der Natur beruht und mit der sich abzeichnenden Verknappung wichtiger Ressourcen an sein Ende kommt. Der Wirtschaftswissenschaftler lebt ohne Auto und Handy und ernährt sich vegetarisch. Er glaubt wie Heidemarie Schwermer an die Macht des Einzelnen: „Um etwas verändern zu können in der Welt, ist es notwendig, dass jeder Einzelne für sich herausfindet, was er wirklich möchte, was er wirklich braucht und welchen Sinn sein Leben hat“, schreibt die Lebenskünstlerin in ihrem Blog. „Statt wie bisher überwiegend im Außen zu leben, geht es nun darum, auch den Weg nach innen zu entdecken und ihn bewusst zu beschreiten.“

ES GEHT NICHT UM VERZICHT, sondern darum, langfristig ein gutes Leben zu führen. Schwermer ist überzeugt davon, dass die Menschen, die einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil bevorzugen, mehr werden: „Die Zahl der Weltverbesserer und Aussteiger wächst, zum Teil unbemerkt von der Masse. Ohne viel Getöse werden kluge Menschen kreativ und beginnen allmählich, eine schöne neue Welt zu schaffen.“ Oder um es mit den Worten Julia Engelmanns zu sagen: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die unsere sind.“ ♥

Zur Autorin: Susanne Wolf erkennt nach einem Dolmetsch-Studium, Ausflügen in verschiedenste Berufssparten und zahlreichen ausgedehnten Reisen ihre wahre Leidenschaft: das Schreiben.
In ihren Arbeiten befasst sich die Autorin umfassend mit den Themen Nachhaltigkeit, Ethik und Gesellschaft. Sie macht auf Missstände aufmerksam und schreibt gegen Vorurteile an.
2014 publiziert sie den Ratgeber „Nachhaltig leben.
Bewusst kaufen, sinnvoll verwenden, Alternativen zum Wegwerfen“.

 


Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #4 / RAD / August 2014

Kunde: SONNENTOR Kräuterhandelsgesellschaft mbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Text: Susanne Wolf
Foto: Katja Greco
Lektorat: Ewald Schreiber