Das Wesen der Dinge

Es gibt nur eine Handvoll Menschen, die das können, was Didier Gaglewski  kann. Er verfügt über etwas, das – würde es das Hören betreffen – als absoluter Sinn bezeichnet werden könnte. Didier Gaglewski aber ist einer von weltweit rund 50 „Nasen“, Menschen, die Gerüche auf besonders feinsinnige Weise wahrnehmen und erkennen können. Seine Heimat ist Grasse in der französischen Provence, das Mekka der Parfumindustrie. Dort extrahiert er Düfte und stellt sie zu einzigartigen Kreationen zusammen.

FREUDE: Sie sagen gerne, dass Sie mit Ihren Düften „nah an der Blume und der Erde bleiben“. Was bedeutet das?

DIDIER GAGLEWSKI: Man stellt sich oft den „Parfümeur“ von Flacons und Fläschchen umgeben vor. Dabei vergisst man jedoch, dass die Parfums von Pflanzen kommen: Man gewinnt den Duftstoff aus Hölzern, Blüten, Rinden, Früchten, Blättern oder Wurzeln und diese Pflanzen selbst wuchsen unter ganz bestimmten Bedingungen wie Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit, fruchtbarem Boden, all das, was wir Land nennen. Ich möchte so nah wie möglich an dieser Magie dran bleiben.

Wie viele Düfte können Sie blind erkennen und wie können wir unsere Nasen trainieren?

Zu versuchen, die Anzahl der Gerüche aufzuzählen, die ich erkennen kann, hat nicht viel Sinn und es würde zu lange dauern. Die Ausbildung der Nase erfordert Ruhe und Konzentration. Es gilt zunächst, Primärdüfte wahrzunehmen und seine Eindrücke davon präzise festzuhalten. Anschließend nimmt man Mischungen wahr, das bedarf eines guten Gedächtnisses, weil die Möglichkeiten von Mischungen unendlich sind. Eine gute Übung, die man einfach in der Familie anwenden kann, ist es, vor dem Essen daran zu schnuppern und zu versuchen,die Komponenten eines Gerichtes zu erkennen. Vielleicht ist das nicht sehr ästhetisch, aber sehr unterhaltsam.

Riechen Sie einen Unterschied zwischen Wildpflanzen und gezüchteten?

Im Fall von Lavendel ist er sehr signifikant: Davon gibt es viele Sorten, wilde und gezüchtete. Jede Sorte hat ihre eigenen, sehr wiedererkennbaren olfaktorischen Eigenschaften. Wir verwenden hauptsächlich den „echten“ Lavendel „Angustifolia“– außergewöhnlich in seiner Finesse, und zwei Sorten der Lavandinpflanze (Anm. d. Red.: das ist ein Hybrid aus Lavendel und Großem Speik), „Grosso“ und „Super“. Wir könnten auch andere Sorten verwenden, aber wir haben auch Sorge hinsichtlich der Reproduzierbarkeit: Ich möchte heute das gleiche Parfum wie vor zehn Jahren anbieten können, und somit auch die Sicherheit haben, den gleichen Rohstoff in zehn Jahren wiederzufinden.

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Mögen unsere Nasen natürliche Düfte lieber?

Natürliche Essenzen, im Gegensatz zu synthetischen Essenzen, haben die Besonderheit, olfaktorisch sehr reich zu sein: Eine Rose bzw. eine Rosenessenz zu riechen bedeutet, 500 verschiedene Gerüche wahrzunehmen. Der Duft von Jasmin ist aus 300 elementaren Düften zusammengesetzt, das allein ist schon ein Gedicht für sich. Und dieses Gedicht hat eine Funktion, eine Rolle: das bestäubende Insekt anzulocken, das für die Vermehrung zuständig ist. Das ist faszinierend. Allerdings ist anzuerkennen, dass künstliche Gerüche die Palette von Parfum-Designern erweitert und ihnen Möglichkeiten für zusätzliche Kreativität geboten haben.

Wodurch unterscheiden sich natürliche von synthetischen Duftstoffen?

Natürliche Düfte stammen aus natürlichen Rohstoffen, die synthetischen Duftstoffe stammen aus Erdöl-Derivaten oder natürlichen Materialien, die künstlich bearbeitet wurden. Die natürlichen Essenzen sind aus verschiedenen Primärgerüchen zusammengesetzt, die sehr teuer sein können und manchmal aus fernen Ländern kommen: Die Ylang-Ylang-Blume beispielsweise wird auf den Komoren destilliert, deren Produktion vom Wetter und unter Umständen von politischen Problemen abhängig ist. Synthetische Materialien sind weniger kostspielig, sie können fast überall hergestellt werden.
Sie werden ausgewählt, weil sie über die Zeit stabil sind.

Polyzyklische Moschusverbindungen – synthetisch erzeugte Duftstoffe – sind natürlich nicht abbaubar und wurden bereits in der Muttermilch nachgewiesen. Ist das nötig?

Nein, das ist nicht notwendig: Der Parfümeur verfügt über genügend Rohstoffe, um darauf zu verzichten.

Worauf legen Sie Wert bei Auswahl oder Einkauf von Rohstoffen, vor allem bei Kräutern und Blumen, für Ihre Arbeit?

Wenn man eine Blumenzucht besucht, dann versteht man, dass der Rohstoff, den wir verwenden, sehr wertvoll ist: Die Pflanzen, die Erde bedürfen einer umfassenden und genauen Pflege, damit sie uns dieses „Elixier“ liefern. Die Menschen, die sich darum bemühen, benutzen Techniken und ein Wissen, das oft noch von ihren Vorfahren stammt.

Gibt es Unterschiede von Kräutern und Gewürzen, die aus konventioneller bzw. aus biologischer Landwirtschaft stammen?

Es ist sehr schwierig, diese Frage objektiv zu beantworten. Wenn eine Pflanze organisch im Sinne von biologisch kultiviert wurde, dann weiß ich, dass die Pflanze und die Erde „respektiert“ wurden, und ich habe dann das Gefühl, dass der Geruch einfach „schöner“ ist.


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Didier Gaglewski

 

Was verrät uns der Geruch?

Der Geruch erinnert uns daran, dass wir zu einem tierisch-animalischen Reich gehören. Unsere Nase warnte uns einst vor der Gefahr, eine bestimmte Nahrung zu essen. Aber der Geruch ist einer unserer fünf Sinne und als solcher eine Quelle der Erkenntnis der Welt.

Inwieweit verändern sich Dufttrends und wovon hängen diese ab?

Ich stelle fest, dass die olfaktorischen Geschmäcker sich zunehmend in Richtung Leichtigkeit bewegen und Frauen heutzutage auch sogenannte männliche Düfte zu schätzen wissen. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass Frauen mehr Platz in unserer Gesellschaft einnehmen? Ich bemerke auch, dass die Begriffe „maskulines Parfum“ und „feminines Parfum“, die einige wie Codes betrachten, in Frage gestellt werden. Die Rolle und Verantwortung eines Parfümeurs liegt auch darin, neue Pfade zu bestreiten und die Düfte von morgen vorzustellen.

Welche Emotionen können Düfte auslösen?

Der Einfluss eines Duftes entfaltet sich manchmal ohne unser Wissen. Er kann anziehen oder abstoßen, eine große Sinnlichkeit als auch eine große Zurückhaltung ausdrücken. Ein Duft, der gezielt auf eine Person abgestimmt wurde, bedeutet eine Verlängerung der Persönlichkeit desjenigen, der ihn trägt.

Natürlich, der Geruch ist eng mit Kindheitserinnerungen verbunden, ich habe schon oft Menschen gesehen, die bei der Wahrnehmung eines Duftes irritiert waren und sogar zu weinen begannen.
Aber meine Parfums bringen einen nicht immer zum Weinen. Sie drücken oft viel Zärtlichkeit aus.

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrer Nase und zu Nasen im Allgemeinen?

Wir sind eng befreundet.♥


Magazin / Titel: FREUDE – Das Magazin für Freunde von Sonnentor
Ausgabe: #3 / NASE / Februar 2014

Kunde: SONNENTOR Kräuterhandelsgesellschaft mbH
Chefredaktion: Katja Greco
Stellv. Chefredaktion: Claudia Eipeldauer
Art Direction & Layout: d.signwerk Emotional Brand Building
Itnerview: Alexander Gaderer
Lektorat: Ewald Schreiber